DIE ZEIT

Blick zurück in die Zukunft

Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig", schrieb Hegel in seiner Philosophie des Rechts.

Ein Fortschritt

Es gehört zu den ganz seltenen Glücksfällen der deutschen Rechtsgeschichte, daß einmal Richter teil an ihrem Fortschritt haben.

Ja für Athen

Rechtzeitig vor Ende der deutschen EG-Präsidentschaft haben die Neun noch ein sperriges Problem gelöst. Aller Angst vor einer Flut griechischer Agrarprodukte und aller Sorge vor riesigen finanziellen Belastungen zum Trotz einigten sie sich mit Athen über die Bedingungen, zu denen das südosteuropäische Entwicklungsland der Gemeinschaft beitreten wird.

Freigelassen

Rolf Mainz ist frei. Nach zwei Jahren und zwei Monaten Haft im berüchtigten DDR-Zuchthaus Brandenburg wurde er vor Weihnachten in die Bundesrepublik abgeschoben, von Bonn "freigekauft", wie rund tausend andere auch im Laufe des Jahres 1978.

Worte des Jahres

"Niemand denkt daran, auf den Direktionsetagen die Gehälter zu kurzen, wenn dort eine Klimaanlage eingebaut wird. Aber die Arbeitnehmer sollen mit Lohnverzicht und Herabstufung dafür zahlen, wenn an ihrem Arbeitsplatz der Lärm etwas geringer wird.

Ein Journalist für die Millionen

Henri Nannen im November 1978: "Wenn ich Ende 1980 die Platte putze, will ich hier den Laden in Ordnung haben." Was war da passiert? Auf Antrag von Henri Nannen hatte der Vorstand von Gruner + Jahr (Verleger des STERN) beschlossen, das Redaktionsstatut des STERN zu kündigen.

Holt uns die Geschichte ein?

Wer um Frieden bittet und darüber hinaus um Versöhnung, der muß wahrhaftig sein, der muß zur Wahrheit sich fähig machen", mahnte Bundeskanzler Helmut Schmidt am 9.

Der große Anschlag

Horst Herold, Präsident des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden und oberster Terroristenfahnder der Bundesrepublik, dürfte zu Beginn des Jahres 1978 der Mann mit den schwersten Sorgen gewesen sein.

Schmidts Sturz

Hatte der Kanzler zum Ausgang dieses Jahres nicht mehr Helmut Schmidt heißen können? Nichts erscheint am Jahresende so absurd wie diese Vorstellung.

Friede in Nahost

Das wäre, für Jimmy Carter zumindest, ein Weihnachtsfest geworden: die völlige Aussöhnung mit China durch den Botschafteraustausch, die Fortsetzung der Entspannung mit der Sowjetunion durch die Unterschriften unter den Salt-II-Vertrag und – als Krönung seines diplomatischen Konzepts – die Paraphierung des israelisch-ägyptischen Friedensvertrages auf dem Berg Sinai, wo einst Moses die Gesetzestafeln erhielt.

Nicht geschehen:: Erfolgreicher Eurokommunismus

Daß nicht alle ihre Blütenträume reifen würden, war den drei Eurokommunisten Berlinguer (Italien), Marchais (Frankreich) und Carrillo (Spanien) auf ihrem Madrider Gipfeltreffen 1977 wohl bewußt.

Siegt der Westwind über den Ostwind?

In den Tagen der Großen Proletarischen Kulturrevolution konnte es europäischen Journalisten in Peking widerfahren, daß sie von empörten Rotgardisten umringt und von oben bis unten bespuckt wurden.

Der dritte Indochinakrieg

Einer schicksalsträchtigen Losung gleich hatte Hanoi einen Tag vor Beginn des Jahres 1978 zum erstenmal offiziell zugegeben: Es gibt keinen Frieden für Südostasien.

Rebellion gegen den Schah

Für unerwartete Schlagzeilen sorgte dieses Jahr der Iran: Mehr als 3000 Tote während der Unruhen in den vergangenen vier Monaten, eine Militärregierung, die unfähig ist, der ärgsten wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes Herr zu werden, der rüde Vormarsch der islamischen Mullahs und ein müde gewordener Schah, dem erst unlängst wieder die einflußreichste politische Opposition, die Nationale Front, das Angebot der Regierungsbeteiligung abgeschlagen hat.

Chaos in Afrika

Der wichtigste Termin für das Afrika des Jahres 1978 ist nicht eingehalten worden. Weder Namibia (Südwestafrika) noch Rhodesien sind, wie ursprünglich vorgesehen, zum 31.

Wie sieht uns die Welt?

Die Bundesrepublik – ein repressiver, autoritätsgläubiger Polizei- und Obrigkeitsstaat; die Bundesrepublik – eine von Totalitären unterwanderte und terrorisierte Demokratie.

War Staufenberg "ostorientiert"?

Stauffenberg sei fortschriftlich, demokratisch, sozialreformerisch, ja sozialistisch gewesen (wenn auch nicht im Sinne des "wissenschaftlichen Sozialismus") – so wird der Widerstandskämpfer seit mehr als zehn Jahren von Historikern der Deutschen Demokratischen Republik beschrieben.

Der letzte Dreck

Verbeulte Konservendosen, Flaschendeckel, Gummifetzen geplatzter Autoreifen, Reste abgetretener Schuhsohlen, buntes Verpackungsmaterial fader Fertiggerichte.

Fernseh-Zeit: Bittere Bilanz

Zu sagen, daß das Jahr 1978 für das Deutsche Fernsehen krisenhaft verlaufen sei, mutet schon wie eine Untertreibung an. Statt des Wortes Krise, in dem begrifflich doch immer auch die Chance Zur Überwindung mitschwingt, ist die Bezeichnung "Krankheit" wohl eher am Platze.

Franz Josef Strauß: Furchtbar vital

Noch möchte keiner darauf schwören, daß der neue Ministerpräsident auch die volle Legislaturperiode in Bayern bleibt. Doch schon die ersten Wochen Straußscher Amtsführung haben nachhaltig aufrührerisch gewirkt.

1979 - noch hat die Vernunft eine Chance

Nach fünf Jahren Durststrecke herrscht in der deutschen Wirtschaft endlich wieder Optimismus. Dies jedenfalls glaubt die Bundesregierung ebenso beobachtet zu haben wie der Sachverständigenrat oder das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, das regelmäßig die Seelenlage deutscher Unternehmer zu erforschen sucht.

Die Nassauer auf dem gelben Wagen

Das große Geld lockt, und Finanzminister Hans Matthöfer ist offenbar nicht der Mann, der solchen Versuchungen widersteht. Das größte Unternehmen der Bundesrepublik, die Deutsche Bundespost, muß im kommenden Jahr außer ihren üblichen Abgaben zusätzlich über eine Milliarde Mark an die Staatskasse abliefern – eine im Steuerrecht einmalige Manipulation, Wäre es nach Lothar Späth, dem CDU-Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gegangen, wäre die Sondersteuer sogar noch höher ausgefallen.

"Vandalen der Wirtschaft"

Der Letzte, der das Land verläßt, möge das. Licht löschen." Ein Land, in dem solch bitterer Spott zum Wahlkampfslogan der Opposition taugt, stellt man sich gemeinhin duster vor: heruntergewirtschaftet und mit Zeichen des Verfalls an allen Ecken.

Josef Ertl in der Zange

Landwirtschaftsminister Josef Ertl war ausgesprechen schlechter Laune. Da hatte er Jahr, für Jahr den Kritikern der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik vorgehalten, daß nicht sie, die Agrarminister, für die Schwierigkeiten am Agrarmarkt verantwortlich seien, sondern die Wirtschafts- und Währungspolitiker, Gemeinsame Preise für Getreide, Fleisch oder Milch in allen neun Ländern der Gemeinschaft, so hatte Ertl immer wieder gepredigt, seien solange fragwürdig, solange die Basis stabiler Wirtschafts- und Währungsverhältnisse nicht gegeben sei.

In Sorge um das rechte Maß

Brüsseler EG-Beamte erinnern sich mit Schrecken an das mehr als zehnjährige Tauziehen um einheitliche EG-Richtlinien für "medizinische Quecksilberthermometer mit Maximumvorrichtung".

"Holzklasse" im Luftverkehr

Fünftens verspricht die Deutsche Lufthansa ihren Atlantikpassagieren: "Freie Drinks (vom Whisky Sour bis zur Spätlese)." Voraussetzung ist allerdings, daß der Passagier den vollen Passagepreis – gegenwärtig 1872 Mark für die Strecke Frankfurt und zurück – bezahlt hat.

Heil über die Runden

In den Tagen um das Weihnachtsfest haben die deutschen Wertpapiermärkte Standfestigkeit bewiesen. Trotz der überraschend kräftig ausgefallenen Ölpreiserhöhung mit ihren Folgen auf den Dollarkurs und trotz des Arbeitskampfes in der Stahlindustrie erwiesen sich die deutschen Aktienkurse – von begrenzten Schwankungen abgesehen – als widerstandsfähig.

Coke macht mehr aus Peking

Nun werden also auch den Chinesen diese Segnungen zuteil: Boeing wird seine Jumbos ins Reich der Mitte verkaufen, PanAm dreimal wöchentlich die Hauptstadt Peking anfliegen, das Hotelunternehmen Interkontinental eine Hotelkette in China errichten, und die Hamburger-Kette McDonald’s soll auch die Chinesen bald mit Brötchen und Hackfleisch erfreuen – wenn entsprechende Verhandlungen zum Abschluß gebracht werden.

Fließt in Strömen

Die Bundesbürger", so teilt das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten eben diesen mit, "lassen den Sekt strömen".

Ost-West-Handel: Die roten Schuldner

So ändern sich die Zeiten. Wladimir Iljitsch Lenin, der Vater der Sowjetunion, prägte einmal den Satz, der einzig "richtige und erzieherische Gebrauch von Gold wäre seine Verwendung als Material zum Bau öffentlicher Bedürfnisanstalten".

Zeitraffer

Nun hat der Wirtschaftsminister gans allein den Schwarzen Peter. In einem von Otto, Graf Lambsdorff angeforderten Gutachten empfahl die Monopolkommission dem Minister, keine Sondergenehmigung für die vom Kartellamt bereits untersagte 25prozentige Beteiligung der Deutschen BP an der Essener Ruhrgas AG zu erteilen.

Akademiker: Aller Anfang ist schwer

Die Situation der Akademiker am Arbeitsmarkt hat sich gegenüber dem Vorjahr deutlich verbessert. Im Mai, dem letztverfügbaren Zeitpunkt, hatte sich die Zahl der Arbeitslosen mit Hochschulabschluß gegenüber 1977 um 3,6 Prozent verringert.

Manager und Märkte

Nur kurz war die Überlegung, wer denn wohl der rechte Mann sei, die ökonomischen Zukunftsperspektiven für 1979 zu geben. Herr X, Leiter eines, was sage ich: des deutschen Autokonzerns hatte schon das ganze Jahr über unerschrocken die Wahrheit gesagt, gelegentlich sogar Aug’ in Aug’ mit Gewerkschaftern, die ja bekanntermaßen kommunistisch unterwandert sind.

Bald ein Blackout

Magerl: Zunächst muß man wohl die Grundlage der Elektrizitätsversorgungswirtschaft betrachten. Sie ruhen auf der Leitungsgebundenheit der Energie, die ja auch nicht gespeichert werden kann.

Chef im geliehenen Anzug

Der alte Grundsatz "man hat Geld, aber man redet nicht darüber" ist in britischen Managerkreisen etwas aus der Mode gekommen: Erstens weil unter den Managern auf der Insel das bittere Gefühl verbreitet ist, daß sie kaum noch Geld haben; zweitens weil sie gezwungen sind, über ihr Einkommen öffentlich Rechenschaft abzulegen.

Heiner Müller: Philoktet 1979

Schauplatz ist die Felseninsel Lemnos, die entgegen der Falschmeldung des Sophokles dicht besiedelt ist, und zwar von den eingeborenen Frauen, die aus ungeklärten Motiven ihre Männer ermordet haben, und dem bekannten, von den Griechen dorthin ausgebürgerten Philoktet.

Hans Magnus Enzensberger

HOLZAPFEL Was wollen Sie eigentlich von mir? Kommt hier herein und fragt mir ein Loch in den Bauch. Die "Unterprivilegierten".

Das letzte Theater des Jahres

Schreiben Sie für uns ein Stück – bat das Feuilleton der ZEIT vor einigen Wochen eine Reihe deutschsprachiger Autoren – ein Versuch, dem alten Brauch der Silvester-Umfrage einen neuen Reiz abzugewinnen.

Franz Xaver Kroetz: Der stramme Max

MAX Obs das gibt, ein Lebn nach dem Tod? Daß man wen gern hat, und der stirbt, und eines Tages sieht man sich wieder (lacht) – in die ewign Jagdgründe – und lacht und sagt: "Da bist ja, wo warst denn so lang?" – Das war ein Trost für die Eltern, wenn man es sicher wüßt! (Pause).

Rolf Hochhuth: Der gute Opa

Vati, das ist nicht "sein" Dreck, leider, sondern deiner! Und dieser Dreck sähe nicht anders aus, wäre er in Leipzig zusammengefegt worden statt in Koblenz, im Bundesarchiv .

George Tabori: Die fünfundzwanzigste Stunde

Mein Hund ist auch tot. Ein schwacher Atemhauch, eine Art Seufzer, den keiner von uns hören konnte, und er war hin. Einige meiner besten Freunde waren Hunde, begleiteten mich durch meine Hundejahre.

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