Das Stück spielt im Totenreich, dessen Zentralraum aus dem ins Gigantische vergrößerten Kuppelbau der Herzog-August-Bibliothek zu Wolfenbüttel besteht: einem gewaltigen Saal mit Tausenden von Folianten, die auf schmalen und schwankenden Leitern erreichbar sind. Der Herr und Meister des Archivs, Bibliothecarius Lessing, sitzt an einem langen Arbeitstisch, die Folianten in seinem Rücken. Ins Kollationieren vertieft bemerkt er den von der Seite, in der Haltung respektvoller Ergebenheit näherkommenden Besucher nicht, wird erst aufmerksam, als der vermeintliche Bibliotheksgehilfe erstaunliche Kenntnisse auf jenem-Gebiet an den Tag legt, das Lessing mit Meisterschaft beherrscht: der Geschichte der Syphilis, deren Entstehung im fünften nachchristlichen Jahrhundert der Bibliothecarius mit Hilfe von apokryphen Texten nachzuweisen hofft.

Der Besucher freilich, ein Mann, der ein elegantes Deutsch mit französischem Einschlag spricht, ist weniger an der Geschichte als an der Realität der Krankheit interessiert. (Lessing: "Die Venusseuche – mein altes Problem." Besucher: "Genau wie meins. L’avarie, wie man bei uns in Frankreich sagt, die Havarie, der kleine Schaden nach dem großen Sturm.")

Ein Wort gibt das andere, der Besucher schildert die Krankheitsstadien, der Bibliothekar lauscht und beginnt plötzlich stutzig zu werden, als der vor ihm Sitzende das Finale der Krankheit beschreibt: "Wie ein Reigen ist das, wie ein Tanz, bei dem ein Instrument nach dem anderen verstummt, bis am Ende nur noch die Flöte übrig bleibt: eine Zauberweise, die deine Schmerzen kirrt, wenn du sie vor dich hinsummst." Da, auf einmal, springt Lessing auf: "die deine Schmerzen kirrt". Der große Leser, dem nur über Büchern etwas einfällt, im Totenreich so gut wie früher in Berlin, Hamburg oder Wolfenbüttel, hat die Verse sofort verifiziert. Es ist Harry Heine aus Paris, der in der großen Morgue seinem geliebten Lessing die Aufwartung macht, um ihm, wie er einmal geschrieben hat, "die bleichen Lippen zu küssen".

Und so beginnt, die Stunden füllend, das Gespräch – über das Leben und über die Bücher, über die Liebe und das Spiel, über die Mädchen, die Pastoren und die Philologie. Die Philologie, jawohl! Lessings Begeisterung kennt keine Grenzen, als Heine seinen physischen Verfall mit den Worten beschreibt: "Mein Leib war in die Krümpe gegangen." ("Mein Gott, lieber: Heine, dafür gebe ich tausend Kirchgänge her. In die Krümpe gegangen – krumm, elend, verrenkt: Mann, ich beneide Euch. Das hätte am Ende sogar unserm Luther gefallen: ‚Und der Leib des Herrn am Kreuz ging in die Krümpe‘, Passion nach Matthäus.")

Freilich, die Gemeinsamkeit zwischen Heine, der mit Achill sagt: "Lieber ein Taglöhner unter dem Licht als ein König unter den Schatten", und Lessing, der, in seiner Bibliothek über den Schatz der ganzen Welt verfügend, glücklich wie nie zuvor ist ("Bedenkt, lieber Freund, just bevor Ihr kamt, habe ich mit Newton gesprochen. Mit Sir Isaac Newton! Gestern abend mit Voltaire. Immerhin...") diese Gemeinsamkeit zerbricht schnell.

Je länger Lessing auf seinen "lieben Herrn Doctor" einspricht ("utriusque juris, ganz nach der Ordnung") und je begeisterter er seinen Bücherberg besteigt ("Eure opera omnia, von Campe in Leinen gebunden, das ist schon eine Reise wert, selbst in den Hades"), desto befremdeter zeigt sich Heine: Newton, Voltaire und Lessing, alles gut und schön – aber was nützt das, wenn die Dragoner-Kathrine und die Pique-As-Luise nicht mit von der Partie sind?

Einen Augenblick droht offener Streit – aber dann versöhnt man sich wieder, da Lessing, der begeisterte Spieler, seinen Witz zu zeigen beginnt ... versöhnt sich, indem man, in gemeinsamer Opposition gegen Goethe, einen Faust entwirft, der mehr ist als ein knappes Fragment oder ein rasch hingeworfenes Tanzpoem.