Nord III, West III, Hessen III, Montag, 1. Januar, 22.20 Uhr: "Notfall-Emergency", von Martin Wiebel und Gerd Winner

Es wäre schade, wenn jemand Angst vor dem Untertitel bekäme, weil er so bedeutungsvollen Dritten-Programm-Nebel vor diese Sendung bläst: "Hommage für zeitgenössische Befindlichkeit." Denn es handelt sich um eine beklemmende, bisweilen Herzklopfen hervorrufende Etüde über die Angst – nicht über die Urangst vor Naturkatastrophen, die von einer "höheren Gewalt": ausgelöst werden, sondern über die Angst, die den Errungenschaften des Fortschritts, der unentwegten technischen Vervollkommnung unserer Zivilisation entspringt: über die Angst als den siamesischen Zwilling der Bequemlichkeit.

Was der Film dramaturgisch raffiniert mit indirekter Verfeinerung vorbringt, ist in die Alltagssprache übersetzt ein altes, freilich gern verdrängtes Problem, das sich zum Beispiel so darstellt: In einem Flugzeug, des schnelleren, bequemeren Transports wegen erfunden, kann unterwegs etwas entzweigehen und eine Notlandung erforderlich machen; die nahezu parallele Erfindung von Rettungsgeräten wie Atemmasken, Schwimmwesten, Rutschen sowie die Feuerwehrautos, der Notarztwagen, das Unfallkrankenhaus sollen der Angst begegnen und sie "binden", sie können freilich auch versagen.

Diese latente, "zum offiziellen Gefühl" gewordene, normalerweise im Unterbewußtsein eingeschlummerte Angst wird nur noch empfunden, wenn sie geweckt wird: kurz und begütigend, wenn im Flugzeug das Unglück relativ teilnahmslos geprobt wird, barsch und bedrängend, wenn sie durch den Ernstfall provoziert wird. "Los, schneller, schneller", hört man die hektischen Schreie nach einer Notlandung, und drängender: "schneller, schneller..."

"Ich weiß von allem, aber ich denke nicht daran" – um nicht handlungs-(oder: lebens-) unfähig zu werden, sagt die Symbolfigur dieses Films, ein übriggebliebenes menschliches Wesen, das eingeschweißt in einen metallenen Anzug, zischend versorgt durch eine menschliches in der Maske, seinen Reflexionen und Wahnvorstellungen über diese Angst nachgeht: den unauflösbaren dialektischen Konflikt von Komfort und Risiko.

Das ist die These, aus der der WDR-Redakteur Martin Wiebel und der Maler Gerd Winner ihr überaus artifizielles Gedankenspiel entwickeln. Sie verwenden dafür die "neuesten elektronischen Bildmöglichkeiten" und zeigen – man weiß nicht jedesmal, warum – Video-Graphiken, die mit einer Farbmischanlage verändert werden. Was aber viel wichtiger ist: Sie haben ihren Film wie eine Suite komponiert, die sie stetig durch Intermezzi gliedern. Eins ihrer Gestaltungsmittel für diese Mischung aus Wirklichkeit und Vision sind scheinbar minutenlange Szenen: ein unendlich blinkendes Polizeiauto; lange nebeneinander ertönende Notsignale von Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen; eine entnervend heulende Sirene; eine monotone, aus der Wiederholung kurzer Motive gebildete Synthesizer-Musik, dazu bedrückende Szenen aus dem Alltag und Bilder (von Winner), die aus dem farblosen Nichts Gestalt annehmen, sich verfärben und im Nichts verschwinden.

Man erlebt etwas Allgegenwärtiges als eine Science-fiction-Affäre: Sie ist sehr kunstvoll gemacht und sehr beunruhigend. M. S.