Von Nina Grunenberg

Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich an der Hamburger Universität in den letzten Wochen des Jahres ein Wahlkampf abgespielt, der auf der hochschulpolitischen Szene seinesgleichen sucht. Was auf dem Hamburger Campus bisher vermieden worden war: Das Regiment der Chaoten soll jetzt auf andere Weise nachgeholt werden: durch ein Regiment der Genossen.

Nach Ablauf der neunjährigen Amtszeit des liberalen und parteilosen Peter Fischer-Appelt steht am 10. Januar die Wahl des Universitätspräsidenten bevor. Wohin die Reise gehen soll, machte in den letzten beiden Wochen schon die Wahl der zwei Vizepräsidenten deutlich. Als Sieger gingen hervor: der Literaturwissenschaftler Wolfgang Bachofer, im Nebenamt sozialdemokratischer Bürgervorsteher der Gemeinde Glinde/Schleswig-Holstein, und der Jurist Claus Ott, ebenfalls Mitglied der SPD. Gewählt wurden sie vom Universitätskonzil, das auch den Präsidenten küren wird. In Hamburg besteht es zu je einem Viertel (je 16 Stimmen, zusammen 64) aus Professoren, Studenten, Assistenten/Dozenten und sonstigen Mitarbeitern (Verwaltungs- und technisches Personal).

Bachofer wie Ott sind beide Professoren. Die in ihrer Mehrheit konservativ denkende Professorengruppe im Konzil fühlt sich von diesen Kollegen dennoch nicht repräsentiert. Die beiden werden zu einer Reformergruppe gerechnet, die ihre Mehrheiten vor allem bei den Assistenten und Dozenten findet, auch bei den Studenten, soweit sie nicht dem RCDS angehören. Vergeblich hatten sich die konservativen Professoren bemüht, einen eigenen Kandidaten ins Rennen zu bringen. Doch der Ordinarius, den sie präsentierten, machte einen so jämmerlichen Eindruck, daß selbst konservative Sympathisanten es mit ihrem Gewissen nicht glaubten vereinbaren zu können, ihm ihre Stimme zu geben.

Am 10. Januar soll der zweite Akt folgen. Als Bewerber für das Präsidentenamt an der drittgrößten Universität der Bundesrepublik kandidieren: Peter Fischer-Appelt, er möchte wiedergewählt werden; Rolf Rentdorff, Ordinarius für alttestamentliche Theologie aus Heidelberg; Arnulf Seifart, Theologe in einem Berliner Predigerseminar, den keiner kennt, und Günter G. Sehm, Philologe von Hause aus, derzeit Professor an der Universität Natal in Südafrika; auch ihn kennt niemand persönlich, herumgesprochen hat sich bisher nur, daß er ein Millionär ist, der überall kandidiert, wo er es witzig findet.

Auf die Übermacht der Theologen – auch Peter Fischer-Appelt ist. ein ordinierter evangelischer Kirchenbann – unter den Kandidaten weiß sich niemand einen Reim zu machen. Die dürftige Anzahl der Bewerber konnte zunächst unbefangen als Anzeichen dafür gedeutet werden, daß Fischer-Appelts Wiederwahl eine sichere Sache, die drei anderen nur Zählkandidaten sein würden. Um so überraschender wirkte deshalb auf alle, daß der Bewerber Rolf Rentdorff mittlerweile mindestens so gute Chancen hat wie Fischer-Appelt. Als Qualifikation bringt er nicht nur eine klassische Hochschullehrerlaufbahn mit, vielmehr spricht in den Augen der Sozialdemokraten für ihn, daß er ein Mann ihres Vertrauens ist und ein Reformer-Image mitbringt, daß sich nahtlos in die zur Zeit in Hamburg geltende politische Linie einfügen würde. Rentdorff soll schon die Teilnahme an den Sitzungen der Parteigremien in der Hansestadt zugesagt worden sein.

Nun sage jemand, das Amt des Hamburger Universitätspräsidenten habe nichts mit der Partei zu tun. Selbstverständlich nicht. Die Universität verwaltet sich selbst, sie ist autonom. Es sind allein die Mitglieder des Konzils, die für die Wahl verantwortlich sind. In Hamburg sind sie jedoch schon so weit politisiert, wurden die Regeln des parlamentarischen Lebens so selbstverständlich auf die akademischen Gremien übertragen, daß es jetzt nur noch als logische und erwünschte Folge dieser Entwicklung erscheint, wenn in der Universität die gleichen politischen Mehrheitsverhältnisse herrschen wie im politischen Senat der Stadt.