Bedeutet Ganztagsschule eine Beschränkung der Freizeit? Das war das Thema der Zeitlupe vom 29. September 1978 (ZEIT Nr. 40). Eine französische Schulklasse hat über diese Zeitlupen-Beiträge diskutiert und ihre Meinung dazu mitgeteilt. Wir glauben, daß die langjährigen Erfahrungen, die die Franzosen mit dieser Schulform haben, auch unsere jungen Leser interessieren:

Wir, Schülerinnen und Schüler einer Quarta, haben die Briefe gelesen, die deutsche Schüler zum Problem "Ganztagsschule" geschrieben haben. Wir in Frankreich haben die GTS, und deshalb können wir dazu unsere Meinung sagen. – GTS, das heißt für uns: mittwochs frei und am Samstagvormittag Schule. An den übrigen Tagen sieben Stunden. Für das Mittagessen haben wir jeden Tag zwei Stunden. Für diejenigen, die in der Kantine essen, bedeutet dies meist Langeweile, weil sie nach dem Essen nicht weggehen dürfen. Arbeiten können sie jedoch auch nicht, weil es zuviel Lärm gibt und man sich nicht konzentrieren kann. Außerdem gibt es noch zwei weitere Pausen von je fünf Minuten, in denen man sich jedoch nichts zu essen oder zu trinken kaufen kann. Weil die Franzosen aber morgens meist wenig essen, haben wir oft schon um halb elf Hunger, und dann ist das Arbeiten noch schwieriger. Wenn wir um halb sechs abends nach Hause kommen, müssen wir noch Schulaufgaben machen, was beinah unmöglich ist. Manchmal haben wir schon bis zehn Uhr abends gesessen und gebüffelt. Viele glauben: GTS heißt, man kann seine Aufgaben in der Schule machen. Das ist absolut falsch! – Für den Sport bleibt nur der Abend. Einige mußten ihren Sport schon aufgeben, weil sie keine Zeit mehr hatten. Zeit zum Spielen, Lesen, Plattenhören, Gammeln, Wandern oder Fernsehen haben wir fast überhaupt nicht, Auch haben wir kaum die Möglichkeit, andere Menschen kennenzulernen, weil wir immer mit den gleichen Menschen zusammen sind. Die meisten von uns sind der Meinung, daß die Halbtagsschule besser ist.

Quarta 2, College Grandmont, Tours

Wir leben in einer Zeit, in der der Mensch nur noch nach seinem Wissen beurteilt wird. Besonders Deutschland ist hochindustrialisiert, es braucht Wissenschaftler, Chemiker und Physiker. Die Schüler können doch nur dankbar sein, wenn man ihnen soviel Wissen wie möglich vermittelt, natürlich ohne sie zu überfordern oder seelisch zu belasten. Nur ein Mensch mit hoher Intelligenz kann es heute noch weit bringen. Je mehr Schüler lernen und dann wissen, desto besser haben sie es dann, wenn sie ihr Wissen in die Tat umsetzen können. Deutschland braucht die Intelligenz der Jugend, um seinen internationalen Status in der Welt als industrialsierte und technische Macht zu halten. Andris Brinkmann, 17 Jahre