Schauplatz ist die Felseninsel Lemnos, die entgegen der Falschmeldung des Sophokles dicht besiedelt ist, und zwar von den eingeborenen Frauen, die aus ungeklärten Motiven ihre Männer ermordet haben, und dem bekannten, von den Griechen dorthin ausgebürgerten Philoktet. Die Frauen essen Straußeneier und würfeln um Philoktet, der schon sehr geschwächt wirkt. Die Frau mit dem höchsten Wurf schleppt ihn in eine Höhle. Die andern stopfen oder stricken Socken für den kranken Fuß des Philoktet.1) Wenn Philoktet aus der Höhle herauskommt, wird wieder gewürfelt, und nachdem er mit einem Straußenei wieder instand gesetzt worden ist, schleppt ihn die Frau mit dem höchsten Wurf wieder in die Höhle, aus der er mehr und mehr geschwächt herauskommt. Zuerst geht er noch aufrecht, dann auf Händen und Knien, dann auf dem Bauch, zuletzt auf dem Zahnfleisch.2) Arbeitskampf, in dessen Ergebnis Philoktet einige Feiertage durchsetzen kann. An den Feiertagen unternimmt er Selbstmordversuche, die von den Frauen vereitelt werden.3) Im zehnten Jahr gelingt es ihm durch ein geschicktes Ablenkungsmanöver, mit seiner letzten Kraft sich unbemerkt an den Rand des Plateaus vorzuarbeiten. Als er sich hinabstürzen will, ersteigen, in ihren schweren Galarüstungen keuchend, Odysseus und Neoptolemos das Plateau. Sie sehen sich, bevor sie den überraschten, zur Eroberung Trojas dringend benötigten Philoktet auf die Beine stellen können, zu ihrer eigenen freudigen Überraschung von Frauen umschwärmt. Als Philoktet die Lage begriffen hat und mit dem Ruf Zur Schlacht, zur Schlacht aufspringt, haben Odysseus und Neoptolemos bereits ihren Auftrag vergessen und verschwinden, von den Frauen auf Händen getragen, in der Höhle.4) In den fortgesetzten Schlachtruf des am Höhleneingang verzweifelt herumtanzenden Philoktet mischt sich das Lustgestöhn der ausgehungerten Frontsoldaten.5) Auf einem Felsen im Hintergrund ist mit einem Hubschrauber der Bundeswehr der Archäologe Schliemann gelandet. Er wartet während des Folgenden, einen Spaten geschultert, mit wachsender Ungeduld auf die Zerstörung Trojas. Während der Wartezeit reitet einmal in jedem Jahrhundert, mit hinter ihr flatterndem Spruchband, das an ihrem Schweif befestigt ist, die Sphinx vorbei. Der Spruch auf dem Band lautet Wissen ist Macht. Bei jedem Vorbeiritt der Sphinx präsentiert Schliemann den Spaten. Philoktet, der mit Sonnenbädern und einer Schlafkur seine Arbeitskraft reproduziert hat, schlägt seinen Kameraden, die schon Ausfallerscheinungen zeigen, die Gründung einer Männergewerkschaft vor. Dieser Teil kann für eine Parabase über aktuelle Gewerkschaftsfragen genutzt werden, in der die Mitbestimmung ihren Platz hat, indem die Darsteller improvisieren beziehungsweise auf Zuruf aus dem Publikum den Ablauf ändern. Während der Mitbestimmung bereitet der frustrierte Schliemann, der sich zusehends die Beine in den Bauch steht und sich schon auf den Spaten stützen muß, dieEndlösung vor. Er verwandelt das Publikum in einen Sachwert, die Szene in ein Exponat, das Theater in ein Museum, sich selbst in sein Denkmal, und kreiert die Neutronenbombe, die Traumwaffe der Archäologie, das Finalprodukt des Humanismus.

1) Die Verwendung von Strickmaschinen ist möglich, wenn dem Publikum ermöglicht wird, ihre Funktionsweise einzusehn (Kleine Pädagogik) bzw. technische Verbesserungen an ihnen vorzunehmen (Große Pädagogik).

2) THE SKIN OF OUR TEETH (Th. Wilder). In der Nachdichtung von H. M. Enzensberger WENN DU DIE TASSEN UND TELLER/GELEERT HAST SOLLST DU GEHN/EINEN NEUEN ROCKEFELLER/WIRST DU NICHT MEHR SEHN.

3) DU WIRST UNS DOCH NICHT/VOR DER AUSSAAT VERRECKEN DU HUND (Brecht).

4) Mit der beliebten Konvention, den Geschlechtsakt auf offener Bühne darzustellen, muß angesichts der Erhabenheit des Vorwurfs gebrochen werden.

5) Der Schlachtruf des Philoktet wie das Gestöhn der Odyssetls und Neoptolemossollten komponiert worden, Die Landschaft ist heroisch, Naturalismus nicht am Platz.