Gelegentlich widerfährt es auch einem renommierten Forscher, daß ihm nichts einfällt, was zu erforschen sich lohnen würde. Früher legte ein so geplagter Wissenschaftler eine schöpferische Pause ein. Heute geht das nicht mehr. Denn an der Laborwand steht drohend der englische Leitsatz für Forscher: publish or perish oder sein deutsches Pendant: "Wer nicht schreibt, der nicht bleibt" – eine Mahnung, nicht einen Monat ohne mindestens eine wissenschaftliche Publikation verstreichen zu lassen.

Was tun in einer so prekären Situation? Hier hilft ein anderer Wahlspruch – diesmal ein tröstlicher – weiter: "Nichts ist so banal, als daß es nicht zum Forschungsprojekt erhoben werden könnte." Danach hat sich selbst der große Psychologe Bettelheim gerichtet, als er in einer Schaffenspause die Frage erörterte – vergeblich übrigens –, warum im Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein dem Untier ausgerechnet Steine in den Bauch genäht wurden.

Und so sind wohl die beiden Entdeckungen zu erklären, die zum Jahresende von den Zeitungen berichtet wurden: An der Universität von Pennsylvania hat die Biologin Erika Friedman herausgefunden, daß Herzinfarktpatienten, die einen Hund, eine Katze, einen Hamster, Kanarienvogel oder sonst ein Haustier ihr eigen nennen, größere Überlebenschancen haben als ihre Leidensgenossen, die kein Tier halten. Und an der Universität von Kalifornien bestätigte Donald H. Atlas wissenschaftlich, was manchem von uns in den letzten Jahren beim Lesen von Nachrufen aufgefallen war: Dirigenten leben länger als wir Durchschnittsmenschen, die nicht den Taktstock schwingen. Immerhin, Toscanini wurde 90, Bruno Walter 85, Stokowski sogar 95.

Beide Erkenntnisse sind in wissenschaftlichen Fachblättern veröffentlicht worden – ungeachtet der Tatsache, daß in beiden Fällen die Statistik eher dürftig war. Professor Friedman hatte die Daten von 53 Infarktpatienten ohne und die von 39 mit Haustier verglichen. Professor Atlas begnügte sich mit einer Liste, auf der die Sterbealter von nur 35 amerikanischen Dirigenten verzeichnet waren, um damit seine Erkenntis zu untermauern.

Weil beide Entdeckungen so einleuchtend, so herzerwärmend menschlich und leicht zu verstehen sind, gerieten sie in die Presse der ganzen Welt.

Wenn nun wieder einmal einem Forscher die Forschungsideen ausgehen, habe ich einen guten Rat für ihn: zu untersuchen, ob sich auf Grund der beiden genannten Resultate im Laufe der Zeit der Anteil von Dirigenten, die sich ein Haustier halten, an der Gesamtbevölkerung erhöht. Als Kollektiv für die Statistik müßten die Leute aus einem Wohnblock vollauf genügen.

Thomas v. Randow