Für unerwartete Schlagzeilen sorgte dieses Jahr der Iran: Mehr als 3000 Tote während der Unruhen in den vergangenen vier Monaten, eine Militärregierung, die unfähig ist, der ärgsten wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes Herr zu werden, der rüde Vormarsch der islamischen Mullahs und ein müde gewordener Schah, dem erst unlängst wieder die einflußreichste politische Opposition, die Nationale Front, das Angebot der Regierungsbeteiligung abgeschlagen hat.

Das Anti-Schah-Bündnis zwischen den fortschrittsfeindlichen Frommen, den wirtschaftlich Benachteiligten, den sozial Entwurzelten, dem linken Untergrund und einem politische Mitbestimmungsrechte einfordernden bürgerlichen Mittelstand wird der nahezu uneingeschränkten Pahlevi-Herrschaft nach 24 Jahren das Ende bereiten. Ihr politisches Koma hat längst begonnen. "Ich bin müde", bekannte der Schah selber und dementiert Rücktrittsgerüchte mittlerweile nur mehr widerwillig.

Daß es die Militärs sind und die amerikanischen Verbündeten, die ihn noch im Amt halten, ist ein offenes Geheimnis. Denn ohne die Rückendeckung des Schahs verloren Offiziere wie Amerikaner den wichtigsten Garanten ihrer Interessen: die einen ihre Pfründen, die anderen eine geopolitische Bastion in einem gefährdeten Raum, der den Westen mit Öl versorgt.

Angehörigen des verhaßten Geheimdienstes Savak und manchem Politiker, der sich allzu ungeniert aus öffentlichen Kassen selber versorgt hatte, haben die Generale den Abschied gegeben. Doch was als beruhigendes Zugeständnis an eine verbitterte und gewalttätig gewordene Fremde gemeint war, hat seine eigene Dynamik entwickelt. Jetzt ist es das Militär, das mit dem Rücken zur Wand steht. Der Schah steht längst jenseits von ihr.

Weder der im Pariser Exil agitierende Ayatollah Khomeini als Sprecher der radikalen Geistlichkeit noch Karim Sandschabi als Führer der Nationalen Front sind bereit, den Schah als Dreingabe politischen Entgegenkommens in Kauf zu nehmen. Allein sein Rücktritt könnte der Dynastie noch einmal ein knappes Überleben sichern. Der Vormarsch des Islams jedenfalls ist nicht mehr aufzuhalten, allenfalls noch in etwas genehmere Bahnen zu lenken.

Ulrich Völklein