Hatte der Kanzler zum Ausgang dieses Jahres nicht mehr Helmut Schmidt heißen können? Nichts erscheint am Jahresende so absurd wie diese Vorstellung. Im öffentlichen Ansehen bewegt sich der Kanzler auf Höhen, die vor ihm nur Konrad Adenauer erreicht hat. Und nach langer Stagnation haben letzthin auch SPD und FDP demoskopisch wieder hinzugewonnen; zusammen überflügeln sie im Augenblick die Opposition.

Doch nur ein paar Monate zuvor, im Sommer und noch weit bis in den Herbst hinein, ist die Frage nach der Zukunft des Kanzlers Schmidt oft gestellt worden. Zwar hatten weder der Streit um die Rentenkonsolidierung noch das Tauziehen um die Anti-Terrorgesetze zur Lockerung des Bündnisgefüges geführt, geschweige denn die Kabinettsumbildung im Februar, Folge der Demission von Verteidigungsminister Leber (SPD), oder der Rücktritt Innenminister Maihofers (FDP). Aber nach dem Hinauswurf der Freien Demokraten aus den Landesparlamenten in Niedersachsen und Hamburg begann es im Koalitionsgebälk zu knistern.

Die Liberalen waren verstört. Viele Versicherungen, Hans-Dietrich Genscher, Eckmann im Bonner Bündnis, sei und bleibe ihr Vorsitzender, hörten sich wie ihr Gegenteil an. Daß den Freien Demokraten im Oktober auch im Wiesbadener Landtag der Stuhl vor die Tür gesetzt würde, daß dort Alfred Dregger zum Zuge kommen und der Union dann im Bundesrat die Zweidrittelmehrheit zufallen werde – das erschien durchaus möglich. Die Sozialdemokraten mußten überlegen, wie weit sie noch auf eine auch in Hessen geschlagene FDP bauen könnten und zu welcher Ohnmacht sie die völlige Vorherrschaft der Opposition in der Ländervertretung verurteilen würde.

Ob Schmidt dann aufgesteckt oder weiterzukämpfen versucht hätte, ob es zu Neuwahlen für den Bundestag oder zu einem Koalitionswechsel gekommen wäre, ist müßige Spekulation geblieben. Der Koalitionserfolg in Hessen hat die Bonner Sorgen verscheucht; die Wähler haben den weiteren Weg der FDP zusammen mit der SPD vorgezeichnet. Das Zerbröckeln des Regierungsbündnisses und der Kanzlersturz, einige Monate lang durchaus denkbar, sind das Nicht-Ereignis des Jahres. C.-C. K.