New York liegt, im Tut-Fieber. Und das nicht erst, seit die legendären Tut-Ench-Amun-Exponate am 27. November nachts auf leisen Sohlen in den Gewölben des Metropolitan Museum of Art angeliefert wurden.

Vom 20. Dezember bis zum 15. April werden 1,3 Millionen Besucher die Ausstellung hier in New York besuchen. Es gibt in dieser Stadt seit Wochen keine Möglichkeit, dem Tut-Wahn zu entkommen. Schaufensterpuppen tragen. goldene Locken à la Tut, Goldreklame ist halb a. la Tut, Taschen, Bettwäsche, Kissen, Briefpapier sind Tut-verziert. Kaufhäuser dekorieren ägyptisch, bieten Tut-Dia-Vorträge für 1,50 Dollar und Tut-Shirts für 20 Dollar. Bücher werden seit der ersten Ausstellung der Königsschätze in Washington vor zwei Jahren zu Zigtausenden verkauft; das Kaufhaus "Bloomingdales" bietet eine "an-, believable Wedgwood collection" mit ägyptischen Motiven zwischen 14 und 3000 Dollar und macht ein solides Weihnachtsgeschäft; American Express offeriert seinen Mitgliedern eine limitierte Auflage der Tut-Maske für 200 Dollar; Tiffany liegt mit einem Silber/Porzellan-Scarabäus-Kästchen im Rennen, und die Abraham & Strauss-Kaufhäuser bieten Seminare unter dem Titel "Coffee, Tea and Tut" an.

Ginori, ein italienischer Luxus-Laden auf der Fifth Avenue, hat seine Fenster ägyptisiert und verkauft Porzellan-Reproduktionen der Tut-Schätze zwischen 170 und 2700 Dollar, und "sie gehen weg wie warme Semmeln", erklärt ein Sprecher der Firma.

Das Fernsehen, das kommerzielle wie das öffentliche, hat Filme produziert, die entweder dokumentarisch oder als Spielfilm Licht in das Geheimnis dieses goldumwobenen Kind-Königs bringen sollen. Juweliere bieten ein Pharaonensiegel mit den Hieroglyphen für "I love New York" an. In Wahrheit stehen die Zeichen für "I love the City", denn wie weltläufig auch immer die alten Ägypter gewesen sein mögen, von New York hatten sie denn wohl doch noch nicht gehört. Andere Museen wie das Brooklyn Museum oder die Public Library machen sich den Ägypten-Boom zunutze und zeigen ihre beachtlichen Sammlungen im Tut-Wahn vor.

Den größten Reibach macht die Telephongesellschaft, die eine Tut-Nummer installiert hat – 999-7777 – und seit September bald einer Viertelmillion Anrufer per Automat nichts anderes mitteilt, als daß die Eintrittskarten schon am 18. September ausverkauft waren und der Anrufer die Ausstellung ohne reservierte Karten, zumindest in New York, nicht sehen kann.

Ein so Abgewiesener kann sich immerhin für nur fünf Dollar ein TUT-Puzzle kaufen oder bei Kodak die Dias betrachten. Für Karten, die im September nichts oder in manchen Ticket-Agenturen nur 60 Cents (etwa eine Mark) kosteten, muß der vom Tut-Fieber Heimgesuchte jetzt auf dem Schwarzen Markt zwischen 20 und 50 Dollar auswerfen. Ist das "der Fluch der Mumie", rätseln die Gesunden. Lange vor dem 20. Dezember tauchten in der New York Times Angebote und Nachfragen für Eintrittskarten auf. Ein Fall für den Staatsanwalt? fragte besorgt die PR-Abteilung des Museums. – Der Staatsanwalt ermittelt zur Zeit in ganz anderer Sache im und gegen das Met und den Stifter des nach ihm benannten Sackler-Wing, des wunderschönen Anbaus, der den kleinen Tempel von Dendur gläsern umhüllt und auch Stätte der Tut-Show ist. Doch. Mr. Sackler sammelt Chinesisches, was mit Tut wenig zu tun hat. Doch auch hier wittern Eingeweihte "den Fluch der Mumie".

Nicht nur ist Tut das große Geschäft für Schwarzmarkthändler, Juwelierläden, Kaufhäuser und all die anderen Produzenten von Ramsch und Kitsch, nein, Tut ist ein Geschäft auch für die Museen in Kairo ebenso wie in New York oder den anderen Orten der Ausstellung. Das Land ist verrückt nach Tut, und keiner vermag- – diese Ägyptomanie wirklich schlüssig zu erklären.