Von Jost Nolte

Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Rache sieht, und wird seine Füße baden in des Gottlosen Blut. Psalm 58

Welchen Weg mußte nicht die Menschheit machen, bis sie dahin gelangte, auch gegen Schuldige gelind, gegen Verbrecher schonend, gegen Unmenschliche menschlich zu sein. Goethe, "Wanderjahre"

Der 24jährige Angeklagte Heinz M., so sieht es der zum Gutachter bestellte Nervenarzt, ist ein mikrozephaler, primitiver, kontaktschwacher, eigenbrötlerischer Schwachsinniger mittelschweren Grades, Heinz M. habe wenig Persönlichkeitssubstanz und führe ein ungezügeltes Triebleben, aus dem die ihm vorgeworfenen exhibitionistischen Handlungen erwachsen seien. Seine Willenssteuerung habe als eingeschränkt zu gelten. Im übrigen habe er sich auf Grund seiner Primitivität eine bestimmte Verteidigungslinie zurechtgelegt, von der er kaum abgehen werde. Der Versuch, ihn von der Unsinnigkeit seiner Angaben zu überzeugen, bleibe auch dann zwecklos, wenn man ihm eindeutige Zeugenaussagen vorhält. Schon in kurzem Gespräch merke man ihm an, wes Geistes Kind er sei.

Ein anderer Angeklagter, ein anderer Prozeß, ein anderer Gutachter: Wie Hans im Glück, heißt es, habe der 29jährige Werner W., dem Totschlag in zwei Fällen vorgeworfen sind, im Augenblick der Tat die Realität ausgeblendet. Unter der Wirkung aller nur denkbaren Streßfaktoren wie Müdigkeit, Hunger, Durst und Angst sei er einer tiefen Resignation verfallen, aus der er sich gewaltsam herausgerissen habe. Als er sich dann hundert Meter vor dem rettenden Ziel seinen Verfolgern gegenübergesehen habe, habe er in einer "illusionären Verkennung" gehandelt, die er auch im nachhinein nicht korrigieren könne. Der Sachverständige bescheinigt dem Angeklagten also nicht nur verminderte Steuerungsfähigkeit in der Tatsituation, er erklärt auch, warum Werner W. noch im Prozeß Einsicht in seine Schuld vermissen läßt.

Der Fall Heinz M. – ein Fall wie tausend andere in der Strafpraxis. Was in diesem Gutachten Wissenschaft sein soll, bleibt ein Rätsel. "Mikrozephalie" ist ein Fachwort: abnorme Kleinheit des Schädels infolge vorzeitigen Entwicklungsstillstands. Schon mit der nicht näher erläuterten "Kontaktschwäche" aber begibt sich der Sachverständige auf schwankenden Boden, und "Primitivität" wie "Eigenbrötelei" sind denunzierende Allerweltsvokabeln. Statt dem Gericht Tatsachenstoff zu unterbreiten, der nur auf Grund besonders sachkundiger Beobachtung gewonnen werden kann (so der Bundesgerichtshof über die Rolle des "Richtergehilfen"), maßt sich der Nervenarzt an, die Beweise zu würdigen: Recht haben die Zeugen, nicht der Angeklagte.

Im Fall Werner W. – es handelt sich um den Hagener Prozeß gegen Werner Weinhold, der auf der Flucht aus der DDR in die Bundesrepublik zwei Grenzsoldaten erschossen hat – erfüllt sich ein richterlicher Wunschtraum: Ohne auch nur einen Fingerbreit von seiner Sachkunde abzuweichen, beschreibt der Psychologe Herbert Maisch in großer Anschaulichkeit, "wie es im Kopf eines Täters zur Tatzeit ausgesehen" hat.