Von Dieter Piel

Der Letzte, der das Land verläßt, möge das. Licht löschen." Ein Land, in dem solch bitterer Spott zum Wahlkampfslogan der Opposition taugt, stellt man sich gemeinhin duster vor: heruntergewirtschaftet und mit Zeichen des Verfalls an allen Ecken.

In Neuseeland würde kaum ein Europäer diesen Slogan vermuten doch gerade dort ist er en vogue. Zwar würde, wenn sich die derzeitigen Wanderungsverluste des Dreimillionenvolks im Südpazifik fortsetzten, erst in hundert Jahren der letzte Neuseeländer den Lichtschalter bedienen müssen – doch die Abwanderung von jährlich einem Prozent der Bevölkerung ist schon ein Krisensymptom, dem man nicht allzuoft auf der Welt begegnet.

Das Land, dem dies widerfährt, hat noch vor wenigen Jahren keinen seiner Bewohner sorgenvoll in die Zukunft blicken lassen. In seiner üppigen Natur sind angelsächsische Kolonisten zu einem Wohlstand gelangt, der noch immer überall sichtbar ist. Sie haben brav ihre Wälder abgeholzt und Schafe gezüchtet, deren Fleisch und deren Felle sie selbst im fernen Europa noch mit gutem Gewinn verkaufen konnten. Alles nahm seinen geruhsamen Lauf – bis England, der wichtigste Handelspartner, mit einem Mal hinter den unüberwindlichen Mauern des Europäischen Agrarmarktes verschwand.

Nun ist es vorbei mit der alten Schaffleischherrlichkeit. Neue Absatzmärkte lassen sich zwar finden – im pazifischen und asiatischen Raum, zum Teil vielleicht auch in Osteuropa. Doch sie reichen nicht aus, die Verluste in Westeuropa auszugleichen. Nicht nur, daß sie seit einem Jahr keinen Käse und fast keine Butter mehr dorthin liefern konnten, weil die Europäer selbst ihrer Überschüsse kaum Herr werden und sie bisweilen zu Dumpingpreisen auf Kosten der Steuerzahler in Drittländern verschleudern, um selbst dort noch den Neuseeländern und anderen Lieferanten das Wasser abzugraben; nun müssen die Neuseeländer sogar mit einer europäischen Marktordnung für Schaffleisch rechnen.

Wenn diese Marktordnung zustande kommt, werden die Neuseeländer kaum mehr, wie bislang, 200 000 Tonnen Schaffleisch nach Europa liefern können. Die riesigen Farmen mit 65 Millionen Tieren, samt der dazugehörenden Wollproduktion noch immer Lebensgrundlage des Landes, rücken dann bedrohlich nahe an den Ruin.

Über neue Produkte aber, an denen sie künftig verdienen könnten, haben die Neuseeländer noch kaum nachgedacht. So bleibt ihnen zunächst nur die Hoffnung auf die wirtschaftliche Nutzung ihrer riesigen Fischgründe und etlicher Erdgas- und Erdölvorräte vor ihren Küsten. Ein Teil dieser Hoffnung wird sich gewiß realisieren lassen, zumal dann, wenn sich deutsche, japanische und US-amerikanische Investoren an der Ausbeutung der noch ungenutzten Schätze beteiligen; eine deutsche Industriedelegation, die im Frühjahr in den Südpazifik reist, wird möglicherweise zur Verwirklichung dieser Hoffnungen beitragen.