Von Ben Witter

Es war diesig, und Evelyn Künneke fand, daß dieses Wetter auch zu ihr passe – wie zu Hamburg und zu einem Freitag und zum Jahresende. Sie hatte sich einen Mantel gekauft mit Kapuze, flauschig und in tiefem Braun, und ihn länger machen lassen. Im Restaurant des Hotels Bellevue sollte ich noch einmal sagen, daß er wirklich lang genug ist. Dann kuschelte sie sich in den Mantel, und wir gingen an die Alster.

Sie ging mit den Fußspitzen nach außen und blickte auf meine Füße. "Ich trete immer so breitspurig auf", sagte sie, "ich hab’ nämlich Angst hinzufallen; wie oft bin ich schon gefallen, und wenn die Fußspitzen weit genug auseinander sind... das ist dann nur wegen der Balance." Sie winkelte ihren linken Arm an, und ich hakte sie unter. Der Mantel war wirklich warm.

Evelyn Künneke ging auf eine Trauerweide zu. Und plötzlich verglich sie die Verkrüppelungen der Äste mit dem, was sich im eigenen Körper so windet, und sie meinte, daß Schlankheitskuren nichts helfen, weil sie es ja eigentlich auch gar nicht sollen. Das soll drinnen und draußen alles unverändert bleiben, denn es gebe da ja längst ein gemütliches Beisammensein, und so zuverlässig, und auch eine Art feste Burg, wie ihre alte Wohnung in Berlin, in der Giesebrechtstraße. Nein, schlank sein, das ginge ihr zu weit und wäre für sie fast wie "zerbrechlich", und in ihrem Leben hätte sie das niemals sein dürfen, weder in ihrer Vorstellung noch sonst.

Eine steile Buche störte sie. "So was von Baumstamm ... Ist das ein Donnerwetterwuchs...!"

– "Er sieht kaltschnäuzig aus", sagte ich. – "Der klatscht einem ja richtig ins Gesicht." Sie blickte noch einmal zu ihm hin: "Meine Phantasie schaltet da einfach ab, bei solchen Phallussymbolen. Das ist wie mit der Fäkalsprache; dann möchte ich am liebsten gleich in die Badewanne und anschließend kräftig gurgeln ..."

Sie ging zur nächsten Trauerweide. Enten watschelten am Ufer. Ich sagte: "Watscheln hat für mich auch immer etwas mit ,pummelig‘ zu tun." Sie sagte: "Was war ich für ein Pummel. Ich hab’ da ein Photo im Hotel, das steht auf dem Nachttisch, da sitze ich mit meinem Freund, und zwischen uns ist mein Hund. Und man sieht, wie pummelig ich war, aber den Überblick hatte ich damals schon; pummelig, das war nur äußerlich."