Kontakte mit der KP sollten den Einmarsch der Roten Armee verhindern

Von Peter Hoffmann

Stauffenberg sei fortschriftlich, demokratisch, sozialreformerisch, ja sozialistisch gewesen (wenn auch nicht im Sinne des "wissenschaftlichen Sozialismus") – so wird der Widerstandskämpfer seit mehr als zehn Jahren von Historikern der Deutschen Demokratischen Republik beschrieben. In diesem Jahr ist auch in der Bundesrepublik Kurt Finkers Buch "Stauffenberg und der 20. Juli" erschienen, das in der DDR seit 1967 vier Auflagen erlebt hat. Darin behauptet der Historiker, der Oberst sei bereit gewesen, mit den "antifaschistischen" Kräften der KPD und des kommunistisch geführten Nationalkomitees freies Deutschland" zusammenzuarbeiten. (Das Komitee wurde 1943 von kriegsgefangenen deutschen Offizieren und von Emigranten in der Sowjetunion gegründet.)

Da Finker mangels wirklicher Beweise solche Thesen nicht belegen kann, bedient er sich der assoziativen Methode: Zum Beispiel beruft er sich auf dei Mitteilung einer in der DDR lebenden Schwester des Obersten im Generalstab Mertz von Quirnheim, der in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1944 im Hof des Bendlerblocks zusammen mit Stauffenberg, General Olbricht und Leutnant von Haeften erschossen wurde. Diese Schwester, Witwe eines Mitglieds des Nationalkomitees, sagte aus, Mertz habe sich mit den Zielen des Nationalkomitees, also der Gruppe von General Seydlitz, "solidarisiert"; durch seine Freundschaft und Zusammenarbeit mit Stauffenberg im Stab des Allgemeinen Heeresamtes und des Ersatzheeres in Berlin wird er wie von selbst in die "Höhe politischer Einsicht und Voraussicht" gerückt, auf der sich Stauffenberg angeblich befand.

Entgegenstehende Quellen werden ignoriert: so etwa Stauffenbergs 1941 und 1942 entwickelte Vorstellungen über die Behandlung russischer Freiwilliger in der deutschen Wehrmacht und über eine deutsch-russische Front gegen das stalinistische Regime, die von unzweideutigen antikommunistischen Äußerungen begleitet waren, oder sie werden, wie Stauffenbergs Verachtung für die "Gleichheitslüge", in ein "Bekenntnis zur Demokratie" umgewandelt.

Goerdelers Vorbehalte

Die Frage einer "Zusammenarbeit" mit den Kommunisten und mit dem Nationalkomitee "Freies Deutschland" hatte weniger mit innenpolitischen Neuordnungsgedanken zu tun als mit außenpolitischen Überlegungen. Dr. Goerdeler, der frühere Oberbürgermeister von Leipzig und einstige Reichskommissar für die Preisgestaltung, der 1942 und 1943 ziemlich unbestritten als politischer Führer der Opposition gegen Hitler anerkannt war, hat sich über das seit Ende 1943 zunehmend eigenständige Vorgehen Stauffenbergs ablehnend geäußert – begreiflicherweise, wenn man bedenkt, daß Goerdeler trotz einiger Bereitschaft zu Kompromissen bis zuletzt gegen das Attentat war. Er glaubte, das deutsche Volk oder Hitler oder beide zum rechten Friedensweg überreden zu können, wenn er dazu Gelegenheit erhielte.