Das Bild vom Deutschen im Ausland

Von François Bondy

Die Bundesrepublik – ein repressiver, autoritätsgläubiger Polizei- und Obrigkeitsstaat; die Bundesrepublik – eine von Totalitären unterwanderte und terrorisierte Demokratie. Für jedes dieser beiden entgegengesetzten Bilder haben wir nunmehr erschreckende Zeugnisse, gewichtige Meinungen und gelegentlich ein wenig Dialog zwischen denen, die diese konträren Vorstellungen haben und die gegen diese oder jene Feinde der Freiheit kämpfen. Man müßte ein Fernsehen erfinden, in welchem tendenziöse Moderatoren beider Richtungen, die jeweils zielstrebig beim Hörer eine bestimmte Emotion und Schlußfolgerung hervorrufen möchten, vor uns auf zwei Geräten stritten und wir selber die wohltemperierten Moderatoren zwischen diesen – wie soll man sie nennen? – Passionatoren spielen, dem einen wie dem anderen das letzte Wort entziehend.

Die Ausländer, die dieses Deutschland, "West-Germany", durch ihre Medien. und Meinungsorgane kennenlernen, erhalten oft solche zu Schattenrissen vereinfachte, übernommene Bilder und geben sie eher weiter als jene Bestandsaufnahme, wie sie von unbeteiligten fremden Beobachtern eigentlich zu erwarten wäre. Die Wiedergabe dieser Bilder von Bildern in deutschen Organen wirkt wie gegenübergestellte Spiegel, die einander ins Unendliche reflektieren; denn was das Ausland schreibt, findet in den deutschen Medien große Beachtung und wird selber zum Argument.

Wie sieht uns die Welt? Das ist – so scheint es mir, der es selber von außen sieht ein brennendes Interesse der Bürger dieses Staates, mindestens ihren Medien.

Neigung zum "bösen Blick"

Da fällt ein Kontrast auf. Die Engländer achten wenig darauf, was im Ausland von ihnen gedacht wird. Zuweilen sieht es so aus, als wäre eine besondere Rüdheit britischer Minister in Brüssel, die sich bei ihren kontinentalen Kollegen unbeliebt machen, daheim für sie vorteilhaft, weil sie beweist, wie kräftig diese Minister nationale Interessen verfechten. Die Franzosen gehen davon aus, daß Frankreich zugleich exemplarisch und einzigartig ist und Ausstrahlung hat. Bei den Erben des Gaullismus gilt, daß eine "große Nation" sich in einem großen Nationalismus bestätigen muß. Die Amerikaner möchten der Welt gefallen, sind aber nicht überrascht, wenn ihre Kritik am ugly American, am "häßlichen Amerikaner" Widerhall findet. Sie liefern zugleich Modell und Gegenmodell und sind somit unschlagbar. Die Italiener üben sarkastische Selbstkritik und haben höchstens Anfälle von Frankophobie, weil sie sich von den Franzosen unterschätzt und geistig kolonisiert fühlen.