An diesem Dezemberabend lockt das rote Transparent, in eine Erinnerungsgala: Werner Schroeter, der von Anfang an in BO dabei war (der "Salome", "Lucrezia Borgia", "Fräulein Julie". inszenierte), zeigt Kleists "Käthchen von Heilbronn". Klassische Musik schallt schon lange vor Beginn von der Bühne bis ins Foyer. Für Schroeters Freunde, die für ein bißchen mehr Glamour sorgen, als man in Bochum vermutet, sind diese Musikzeichen die letzte Gewißheit, im richtigen Theater zu sein. Schroeters letzte Vorstellung im BO-Theater: Das ist noch einmal der Schick von einst, und Konfetti für BO.

"Habt Ihr jemals eine solche Nacht erlebt?" Das fragt bei Kleist im zweiten Akt Georg von Waldstätten bei der Entführung Kunigundens von Thürneck den Burggrafen von Freiburg. Die Szene spielt vor einer "Köhlerhütte im Gebirg" bei "Nacht, Donner und Blitz". Bevor bei Schroeter der Ritter das fragte, hatte es stark geregnet auf der Bühne; klapperten im Nachtwind die wie Kletterstangen aus dem Bühnenhimmel hängenden Metallstäbe, die ringsum die Spielfläche begrenzten; hatte ein Ritter in voller Rüstung mit seinem Schwert gegen diesen Metallwald gekämpft; erschienen die beiden Köhler als zwei lebendige Gartenzwerge; näselten sie den Kleist-Text, der über Tonband eingeblendet wurde, wie zwei Hexen in einer schlechten Kinderfunksendung. "Habt Ihr jemals eine solche Nacht erlebt?" Gelächter.

In derselben Nacht (und noch im zweiten Akt) wird Kunigunde von Friedrich Wetter Graf vom Strahl aus der Köhlerhütte befreit. Kleist zeigt für diese Szene kämpfende Ritter, die sich gegenseitig den Helm vom Kopf reißen und unter ihren Hieben taumeln – bis der Graf vom Strahl den Burggrafen von Freiburg niederhaut. Bei Schroeter ereignen sich diese Kämpfe in Zeitlupe, sprechen die Ritter, als wären ihre Stimmen zu langsam laufende Tonbänder: Man hört einen gurgelnden Kleist-Dialog und sieht schwerelos wallende Ritterleiber. "Du Rasender", sagt in dieser langsamsten Szene Freiburg zu Strahl. Gelächter.

Wenn später die Burg Thurneck brennt, die Kletterstangen kippen, Käthchen im roten Feuerschein mit einem Megaphon in der Hand eine Leiter (die brennende Burg) besteigt, erscheinen, hoch oben auf der Beleuchterbrücke, drei Damen vor einem Mikrophon. Sie sprechen den Text, den Kleist für diese Szene geschrieben hat. Sie synchronisieren eine Theaterszene; Oder: Käthchen preßt sich ein Taschentuch vor den Mund und spricht einen Satz von Kleist, der dadurch ganz fern wirkt, wie hinter einer Wand gesprochen. Auch das ist eine Szene aus einem Synchronstudio. Die Damen auf der Beleuchterbrücke karikierten Schroeters Versuch, eine Szene aus Kleists "großem historischen Ritterschauspiel" neu zu bebildern. Die Synchronsprecherin Käthchen Friedeborn mit dem Tuch vor dem Mund baute eine (Sprach-) Mauer zwischen sich und uns, Kleist und uns. Das Gelächter der Zuschauer schien wie in einem Synchronstudio von Werner Schroeter inszeniert.

In einem seiner Filme, in "Der schwarze Engel", ließ der Filmemacher Werner Schroeter die Schauspielerin Ellen Umlauf in einem knallroten – Kostüm und mit Stöckelschuhen durch eine unversöhnlich grüne mexikanische Landschaft staksen. Eine Amerikanerin pilgerte zu den Überresten der Maya-Kultur: "Endlich in der Vergangenheit." Mit diesen Bildern karikierte Schroeter einen kläglich scheiternden Versuch, aus einer schlechten Gegenwart in eine harmonische Vergangenheit zu entfliehen. In seiner Inszenierung von Kleists "Käthchen von Heilbronn", in der er mit Kleists Stück wie mit einem fremdsprachigen Drehbuch umging, er fand der Theaterregisseur Werner Schroeter eine Unmenge von Bildern, die Ellen Umlaufs Fluchtwunsch noch einmal karikierten: Schroeter inszenierte die Unmöglichkeit, aus dem unversöhnlich grauen Bochum in Kleists Ritter-Schwaben zu gelangen. Zu diesem Scheitern ließ er sich ab und zu (ein bißchen pathetisch, ein bißchen ironisch) ein Lied singen und von einem Akkordeonspieler begleiten: "Sing mir noch einmal, was mit Wonne mich berauscht: Lang, lang ist’s her." So entstand an Stelle eines Kleist-Abends BO-Theater: unüberwindliche Gegenwart.

So wie das Obsessive dieser Aufführung und ihr skeptisches Verhältnis zur Sprache, ihre Nähe zu Kleist also, Kleists Stück von uns nur noch mehr entfernte, vereitelten auch Schroeters Schauspieler jede Annäherung. Elisabeth Krejcir ist ein sehr pummeliges Käthchen, das schon beim ersten Auftritt auf allen Vieren über die Bühne platscht wie eine Robbe im Zoo: So nähert sich Käthchen, der die Liebe eine Himmelsmacht ist, ihrem Geliebten, dem Grafen von Strahl. Dieser Graf (Wolfgang Schumacher) sieht aus wie der Hauptdarsteller einer Simmel-Verfilmung, trägt ein schwarzrotgoldenes Gewand und verläßt immer wieder seine Geschichte, um berauscht vor sein Spiegelbild zu treten: Narziß in Schwaben. Magdalena Montezuma als Kunigunde kämpft erfolgreich darum, so häßlich zu werden, wie Kleist es von ihr wünscht. Der Waffenschmied Theobald Friedeborn (Gottfried Lackmann), Käthchens Vater, sieht eher aus wie ein Totengräber. Auf Musik reagiert er wie auf Elektroschocks. Schroeters Schauspieler machen Kleists Liebesgeschichte zu einer Groteske. Menschenverachtung, Frauenverachtung, wie manche Kritiker meinten, verbirgt sich hinter Schroeters Verfremdungen nicht. "Wenn ich den Menschen gestatte, daß sie mich verachten", sagt eine der Figuren in Schroeters Film "Der Tod der Maria Malibran", "dann sollten sie nicht vergessen zu sagen, daß dies alles ist, was ich für sie tun kann."

Schroeters letzte Vorstellung im BO-Theater: Das war über die BO-Nostalgie hinaus eine neue, radikale Auseinandersetzung mit einem Theaterklassiker. Das war auch eine theatralische Polemik. Schroeters "Käthchen" ist ein (obsessiver) Gegenentwurf zu Claus Peymanns zirzensisch fröhlichem "Käthchen" in Stuttgart.