Warum die Deutschen sich nicht vermehren wollen (I)

Von Joachim Nawrocki

In Bayern fürchten CSU-Politiker ein biologisches Ende bajuwarischer Lebensart: "Sterben die Bayern aus?", ängstigte kürzlich die Münchner Staatsregierung ihre Bürger mit einer "Informationsschrift".

In Baden-Württemberg verzeichnen lediglich acht von 35 Landkreisen mehr Geburten als Sterbefälle. Man fragt sich: Wozu noch sparen und "Häusle bauen"? Im Ehebett sind die Schwaben nicht mehr produktiv: Die neun Stadtkreise des Musterländles vermelden ein Geburtendefizit.

Am Rand des Ruhrgebietes drohen Städte wie Wuppertal, Remscheid und Solingen zu veröden, weil die Reichen ins Grüne außerhalb der Stadtgrenze abwandern und weil zu wenig Kinder geboren werden. Die Bevölkerungszahl von Hamburg wird voraussichtlich von 1,9 Millionen Einwohnern bis 1990 auf 1,4 Millionen schrumpfen.

Ist es den Deutschen ganz egal, was aus ihren Kindergärten und Hauptschulen wird und wer nach ihnen kommt? Autobahnen, umsonst gebaut?

Ein Raum ohne Volk – welch’ traurige Vision und die Bürger tief erschreckende Aussicht auf eine Welt ohne Deutschen. So forderte denn der Bundespräsident Scheel die Nation auf, das neue Jahr zum annum mirabilis zu verwandeln: 1979 sollen sich die Deutschen ihrer Kinder besinnen. Eine kinderfreundliche Umwelt, so Scheel, sei eine sinnvolle Investition. "Geborgenheit der Familie", "Liebe" – diese Tugenden und Werte, die der Präsident und Familienvater den Bürgern in seiner Weihnachtsansprache nahelegte, müssen auf einige Statistiker wie vergebene Müh’ geklungen haben: Der Trend steht für sie fest, die Deutschen werden immer weniger. –