Wenn Zeugnistermine näherrücken – wie jetzt die der Halbjahreszeugnisse Ende Januar –, werden Viele Eltern unruhig. Werden die Noten des Sohnes oder der Tochter genügen für die Versetzung, im Sommer, fürs Abitur; für die Bewerbung um eine Lehrstelle? Manche. Eltern quälen ihre Kinder mit lästigen Fragen: Wie stehst du in Latein? Bist du in Mathe endlich besser geworden? Schaffst du den Ausgleich für die Fünf in Englisch? Eltern fragen nicht ohne Grund und sicher kaum je, um zu quälen; sie sind es, die (laut BGB) den zukünftigen Beruf und die dafür erforderliche Ausbildung ihres Kindes bestimmen müssen. Meist halt nicht nur das Gesetz, sondern vor allem der eigene gute Wille sie dazu an, für ihr Kind nach der besten erreichbaren Ausbildungschance Ausschau zu halten. Eine Entscheidung können sie aber nur treffen, wenn sie die Fähigkeiten und Leistungen ihres Kindes genau kennen. Viele Eltern verlassen sich deshalb nicht allein auf die (oft ungenauen) Auskünfte der Halbwüchsigen selbst, sondern fragen auch bei den Lehrern nach. Sprechstunden und Elternabende sind deshalb in diesen Wochen rege besucht. Wie weit das Recht der Eltern reicht, über die schulischen Leistungen ihrer Kinder informiert zu werden, ist freilich manchmal zweifelhaft.

Kürzlich hatte das Bundesverwaltungsgericht einen Fall zu entscheiden, in dem Eltern sich mit allgemeinen Leistungsbeurteilungen ihres Kindes und auch mit konkreten Noten in einzelnen Fächern nicht zufriedengeben möchten. Sie verlangten (gemeinsam mit ihrem Sohn) außerdem einen Notenspiegel für die gesamte Klasse; erst das Verhältnis der Leistungen des eigenen Kindes zu denen anderer Schüler könne ihnen Über den relativen Leistungsstandard ihres Sohnes Genaues sagen, meinten sie; deshalb könne nur eine Übersicht über die in der gesamten Klasse erreichten Noten ihr Informationsrecht erfüllen.

Der Prozeß um den Notenspiegel durchlief die gerichtlichen Instanzen, ging aber für die Eltern negativ aus. Das Bundesverwaltungsgericht war. zwar mit dem Bundesverfassungsgericht einer Meinung Eltern Staat erfüllen "in einem sinnvoll aufeinander bezogenen Zusammenwirken" als "gleichgeordnete Erziehungsträger ihre gemeinsame Aufgabe", nämlich die, das Kind, zu erziehen. Daraus folgt laut Bundesverwaltunggericht, "daß die Schule den Eltern wegen ihres maßgeblichen Einflusses auf den Werdegang ihrer Kinder... die notwendigen Entscheidungsgrundlagen vermitteln muß, insbesondere also die Aussagen, über die Leistungen des Kindes in der Schule". Daraus folgt aber nicht, daß ein Lehrer verpflichtet ist, eine Aufstellung über die in einer Klasse erreichten Noten insgesamt (und damit auch über die Mitschüler) zu geben. Dies liege allein im "pädagogischen Ermessen des Lehrers".

Ein Lehrer kann danach den Notenspiegel einer Klasse den Eltern zur Verfügung stellen, er muß es aber nur in "besonders gelagerten" und "schwer vorstellbaren Einzelfällen. Begründung:, die Erteilung; von Notenspiegeln sei pädagogisch umstritten und es sei nicht Aufgabe des Gerichts, eine pädagogische Frage so oder anders zu entscheiden.

Man kann sicher zweifeln, ob ein Notenspiegel nicht auch außerhalb besonders gelagerten Einzelfälle Feststellung des Leistungsstahdards eines Kindes unerläßlich ist. Schließlich ist es nicht gleichgültig, ob ein Kind über Monate hinweg regelmäßig die einzige Fünf schreibt, oder ob dreiviertel der Klasse "unterm Strich" in Solche Infornational können beispielsweise auch Zweifel am Maßstab des Lehrers wecken.

Eines aber ist dem Bundesverwaltungsgericht zuzugeben: Daß der Anspruch auf einen Noten Spiegel nach jeder Klassenarbeit unmittelbar aus den Grundrechten der Verfassung herzuleiten sei, kann um schwerlich annehmen. Nur darum aber ging es in diesem Urteil. Ob es nicht dennoch sinnvoll wäre, in den Schulgesetzen der Länder, ein solches Informationsrecht vorzusehen, ist eine andere Frage. Eva Marie von Münch