Was immer es sonst noch sein mag – ein Ausweis recht selbstbewußten Verhaltens ist es allemal, daß Ungarn zum Jahreswechsel die Visapflicht für die 7 1/2 Millionen Nachbarn in Österreich aufgehoben hat.

Erstmals verzichtet ein kommunistischer Staat im Verkehr mit einem westlichen, wenn auch neutralen Land, auf das bürokratische Antragsritual, das im regen Grenzverkehr der beiden, einst in der k. u. k. Monarchie nicht nur brüderlich vereinten Völker, schon längst reif für den Reißwolf war. Daß Österreich dasselbe für die zehneinhalb Millionen Magyaren – verordnete, entspricht formal dem Gleichbehandlungsprinzip.

Doch im praktischen Verkehr werden die ungarischen Bürger weniger von der Neuregelung profitieren als die österreichischen. Das liegt an der kommunistischen Staaten eigenen Praxis, in der das Ausreisevisum und der Besitz eines Westreisen gestattenden Passes höhere Hürden sind als die Einreisevisa der zu besuchenden Staaten. Zwar sind die ungarischen Staatsbürger darin besser gestellt als jeder Russe, jeder Ostdeutsche, jeder Bulgare, Rumäne und Tscheche – statistisch gesehen reisten im eben verabschiedeten Jahr 1978 neun von hundert Ungarn in ein westliches Land, während nur jeder vierzigste Pole einen westlichen Staat besuchte. Aber bis auf weiteres darf auch ein Ungar nur einmal alle drei Jahre mit einem legal erworbenen Taschengeld das Land gen Westen verlassen, und alle zwei Jahre darf er auch eine Einladung von dort annehmen.

Solche Großzügigkeit ist im Ostblock nicht an der Tagesordnung, und die ungarischen Kommunisten, hatten es auch nicht ganz einfach, die jüngste Neuerung durchzusetzen. Die DDR hat im vergangenen Jahr mehrmals protestiert, weil sie fürchtet, von ihren mehr als 400 000 Ungarnreisenden könnte der eine oder andere über die weniger scharf kontrollierten Grenzübergänge nach Österreich entkommen. Ob Gerüchte über eine Kontingentierung des Ungarn-Tourismus zutreffen, ob Ungarn wie das kommunistische Jugoslawien für DDR-Bürger gesperrt wird, das kann sich erst in der bevorstehenden Saison erweisen.

Soviel ist sicher: Ungarn wird von sich aus alles tun, um Sorgen der DDR überflüssig zu machen, weniger, weil es der DDR zu Gefallen sein möchte, als vielmehr, weil es seine Politik relativer Großzügigkeit gegen die eigenen Bürger nicht gefährden möchte. Gelingt das Experiment mit Österreich, denkt man in Budapest daran, wenigstens häufigere Reisen ins deutschsprachige Nachbarland zuzulassen. Daß sich Budapest sein Verhalten mit österreichischer Entwicklungshilfe in der touristischen Infrastruktur honorieren läßt, ist nicht Chuzpe, sondern zeitgemäß: Freiheit auf Kredit. E. N.