Warum die Deutschen sich nicht vermehren wollen (II)

Von Joachim Nawrocki

Die Zahlen stehen fest – seit 1972 sterben in Deutschland mehr Menschen als geboren werden (siehe Dossier „Kinder unerwünscht“, ZEIT letzte Woche). Politiker rätseln über die Ursachen des Geburtenrückganges und fordern, wie kürzlich Bundespräsident Scheel, eine „kinderfreundliche Umwelt“. Doch Sozialwissenschaftler geben nicht nur der Außenwelt die Schuld. Auch im Innenleben der Familien hat sich das Verhalten gegenüber Kindern verändert. Soziologen sprechen vom Funktionswandel der Familie. „Die lieben Kleinen“ werden lästig.

Jedes Kind zwingt zum Konsumverzicht und beschränkt die Mobilität zumindest der Mutter. Ehepaare, die erst einmal einige Jahre ohne Kinder leben wollen, bis sie Auto, Fernsehgerät und Geschirrspülmaschine abbezahlt haben, bleiben häufig kinderlos, oder wünschen sich nur ein Kind. Die zweite deutsche Autowelle, der massenhafte Kauf von Farbfernsehapparaten, die in alle Erdteile reichende, deutsche Reiselust – derlei Wohlstandserscheinungen begleiten den statistischen Rückgang der Geburtenzahlen. Die Kinder müssen heute in allen Industrieländern mit Kostenfaktoren konkurrieren, die es früher nicht gab. Und die Wohnungsmiete steigt mit jedem zusätzlichen Kinderzimmer.

Viele Eltern mit durchschnittlichem Gehalt können ihrem Einzelkind eine bessere Ausbildung garantieren. Der Bochumer Soziologieprofessor Hermann Korte weist in diesem Zusammenhang darauf hin, daß vor hundert Jahren der Geburtenrückgang schichtenspezifisch einsetzte. In Großbritannien begann zum Beispiel während der Depression zwischen 1873 bis 1880 vor allem die Mittelschicht mit der Geburtenkontrolle, um die einmal erreichte soziale Position zu sichern. (Siehe Interview nächste Seite: Kinder und Karrieren.)

Die Arbeiter und der Adel fühlten sich dagegen zur Geburtenbeschränkung kaum motiviert. Wo sie waren – ganz „oben“ und ganz „unten“ – blieben sie – mit und ohne Kinder – damals noch ganz automatisch, und ihr Nachwuchs auch.

Vor dem Traualtar von heute gleichen die Eheträume der jungen Paare oft noch einer Ludwig-Richter-Vignette von trautem Glück in der holden Kinderschar: Jungverheiratete Ehepaare wünschen sich immer noch zwei oder mehr Kinder. Nach der Geburt des ersten Kindes werfen sie dann die schönsten Pläne über den Haufen: Die Schwangerschaft war lästiger als erwartet; die Geburt zumal erwies sich als gar nicht so sanft, wie „Brigitte“ oder „Eltern“ es versprochen hatten. Und selbst die besten Windein mußten mitten in der Nacht gewechselt werden.