Von Theo Sommer

Dem Menschenverächter Pol Pot und dessen Regime braucht niemand nachzutrauern. Sein Steinzeitkommunismus hat eine Hälfte der Kambodschaner entwurzelt, aus den Städten und Dörfern verjagt und in ländliche Frontbrigaden gesteckt; mindestens ein Zehntel hat er hingemordet: Lehrer, Professoren, Beamte, Soldaten, Kaufleute. Die Schulen, Universitäten und Krankenhäuser wurde geschlossen. Phnom Penh, einst eine pulsierende Zweieinhalbmillionen-Metropole, war am Ende eine entvölkerte Geisterstadt. Zigtausende von Flüchtlingen – viele bloß noch Haut und Knochen, wie einst die den Hitler-KZs Entronnenen–haben unvorstellbare Schreckensgeschichten von Hunger, Seuchen, Zwangsarbeit und barbarischen Menschenschlächtereien erzählt.

Die Moral kann sich über den Sturz Pol Pots nicht empören: die ihn hinwegfegten, haben ein gutes Werk getan. Allerdings – und dies gibt jenseits aller moralischen Genugtuung Anlaß zu politischer Sorge – ist die Umwälzung in Kambodscha nicht allein das Werk einheimischer Widerstandskräfte. Dahinter steht Vietnam, das zuletzt vierzehn seiner Divisionen in die Schlacht warf und damit den Ausgang entschied. So unverständig Pol Pot auch Hanoi herausgefordert haben mag – im Zusammenprall der ungleichen kommunistischen Brüder entluden sich zugleich uralter Völkerhaß und der historische Ehrgeiz der vietnamesischen Kommunisten, ganz Indochina unter dem Dach einer gemeinsamen Föderation zu vereinen. Per Freundschaftsvertrag haben sie schon Laos an sich gekettet. Die Panzer und Flugzeuge der neuen Expansionisten haben jetzt auch Kambodscha unter das gemeinsame Dach gezwungen.

Das weckt Unbehagen, zumal bei den südostasiatischen Nachbarstaaten. Sie haben sich bisher aus dem Sog der Indochina-Kriege herausgehalten; nun sehen sie sich unversehens bedroht. Was dürfen sie von Hanois besänftigenden Worten noch halten, es wünsche ein gutes Verhältnis zu den Asean-Mitgliedern Thailand, Malaysia, Singapur, Indonesien und die Philippinen? Was von den Beteuerungen, Vietnam unterstütze nicht die kommunistischen Untergrundbewegungen Südostasiens? Sie fürchten sich vor einem vietnamesischen Imperialismus, der die ganze Region verseuchen könnte. Trost bieten nur zwei spekulative Erwägungen: daß das rückständige Vietnam die freundschaftliche Zusammenarbeit mit den Nachbarn braucht, wenn es sich denn entwickeln will; und daß Hanoi nicht daran gelegen sein kann, die Asean-Staaten mit einer aggressiven Politik in die Arme der Chinesen zu treiben.

Am unangenehmsten ist das Ausgreifen Vietnams für Peking. Nicht etwa, weil es für Pol Pot viel übrig gehabt hätte; dessen Art von Brutalo-Kommunismus ist seit dem Sturz der geistesverwandten Ultralinken um Maos Frau in der Volksrepublik China verpönt. Entscheidend ist eine weit in die Geschichte zurückreichende Abneigung gegen mächtige Lokalhegemonen in Indochina, vor allem jedoch der Umstand, daß Vietnam im Läger des Erzfeindes Moskau steht. Auf peinliche Weise offenbart die Kambodscha-Krise freilich auch, daß China weltpolitisch ein Papiertiger ist. Außer guten Worten und kärglicher Unterstützung hat es Pol Pot nichts zu bieten gehabt.

Die Welt muß freilich dankbar dafür sein, daß Peking sich auf fromme Sprüche beschränkt. Verfiele es etwa auf die Idee, seine Divisionen über die chinesisch-vietnamesische Grenze zu schicken, um Hanoi zu züchtigen – es stünde uns eine internationale Krise gefährlichster Dimension ins Haus. Der Artikel 6 des sowjetisch-vietnamesischen Freundschaftsvertrages vom 3. November 1978 enthielt eine ausgewachsene Beistandsklausel; Moskau könnte dann – stärker noch als vielleicht ohnehin schon – versucht sein, in Sinkiang oder am Amur militärisch über China herzufallen. Dies müßte zwangsläufig die andere Supermacht auf den Plan rufen. Ein Ende der Verwicklungen wäre schwer abzusehen.

Es liegt allein an den Vietnamesen, wohin die Dinge sich weiterentwickeln. Nur wenn sie darauf verzichten, Kambodscha zu vietnamisieren, werden sie einen Guerilla-Aufstand der Khmer gegen die Besatzer abwenden können; der Haß auf sie wäre sonst größer als alle Erleichterung über die Befreiung von Pol Pot. Nur wenn sie am Mekong haltmachen, können sie das aufkeimende Mißtrauen unter den Nachbarn entkräften. Nur wenn sie Mäßigung walten lassen (wozu ihnen die Sowjets geraten haben sollen), können sie die Eskalation der Konfliktebene von der indochinesischen Lokalarena auf die Supermacht-Etage aufhalten.

Auf Hanois Moral darf die Welt dabei nicht bauen; es ist – knapp vier Jahre nach dem Sieg über Amerika, in dem so viele einen moralischen Sieg erblicken wollten – die Monstermoral aller Staaten. Die wahre Natur des vietnamesischen Kommunismus läßt sich am besten an den Flüchtlingslegionen ablesen. Aber eine nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung sollte Hanoi vor siegestrunkenem Auftrumpfen bewahren.