Lieber Genosse Erich Honecker“, schrieben die Direktoren, Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre aus einem halben Dutzend Kombinaten der Grundstoff- und Metallindustrie, „wir verstehen sehr gut, daß die Verstärkung der weltweiten Auseinandersetzung zwischen Sozialismus und Imperialismus größere Leistungen zur Stärkung unserer Deutschen Demokratischen Republik verlangt.“

Das klang fast so, als seien die Schneemassen über der DDR von imperialistischen Großraumflugzeugen abgeworfen worden, wie in den fünfziger Jahren angeblich die bösen Kartoffelkäfer zur Vernichtung der sozialistischen Ernte. Denn die Auseinandersetzung mit dem Imperialismus manifestiert sich vor allem als Kampf gegen die Winterschäden, unter denen die DDR regelmäßig heftiger zu leiden hat als ihre westlichen oder östlichen Nachbarn.

So teilten die Genossen Briefschreiber ihrem Generalsekretär mit: „Wir haben uns in Auswertung der 9. Tagung des Zentralkomitees das Ziel gestellt, die im Staatsplan und bisher erarbeiteten Gegenplan enthaltenen Aufgaben durch die Arbeit in unseren Kollektiven zu überbieten, um den Geburtstagstisch reichhaltiger decken zu können. Von dieser Zielstellung lassen wir uns auch durch die gegenwärtigen Witterungsbedingungen nicht abbringen.“ Immer wenn es brennt oder friert, werden solche Aufrufe verfaßt, denen sich dann pflichtgemäß die Werktätigen der gesamten DDR-Wirtschaft anschließen.

„Endprodukte in Höhe eines vollen Arbeitstages“ wollen die Metallurgen, Erzbergbau- und Kalikumpel über die Pläne hinaus erarbeiten, um den 30. Jahrestag der DDR im Oktober richtig feiern zu können. Der Geburtstagstisch der Republik muß dann schon ziemlich stabil sein, denn unter anderem sollen 5000 Tonnen Kalidünger, 15 000 Tonnen Stahlschrott und 2100 Tonnen Betonstahl auf ihm liegen. Doch zunächst geht es darum, die Produktionsausfälle der letzten Tage auszugleichen, und die sind erheblich.

Väterchen Frost springt mit der DDR gleich aus mehreren Gründen besonders herb um. Die Energiewirtschaft der DDR beruht zu zwei Dritteln aus der Braunkohle. Die Braunkohlentagebaue erweisen sich aber bei Wetterunbilden als besonders anfällig. Bei Nässe kommt der Morast, bei Frost wird die wasserhaltige Rohbraunkohle beinhart, und Eisregen verwandelt die riesigen Fördergeräte in unbewegliche Ungetüme. Der hohe Schnee tat in der letzten Woche ein übriges: Nicht nur die Förderung in den Tagebauen kam weitgehend zum Erliegen, auch die bereits geförderte und verladene Kohle blieb auf verwehten Schienen und vereisten Weichen stecken.

Hunderte von Zügen kamen nicht voran, und die Transporte, die die Elektrizitätswerke wirklich erreichten, konnten nicht entladen werden, weil Kohle und Waggon zu einem Eisklumpen gefroren waren. Die meisten Kraftwerke haben zudem zuwenig eigene Kohlevorräte und nur unzureichende Möglichkeiten, gefrorene Lieferungen aufzutauen.

So mußte in der DDR jeder ran, der Schaufel und Spitzhacke schwingen konnte. Soldaten halfen bei einer Kohleförderung, Polizisten bei der Schneeräumung, und Einheiten der Zivilverteidigung errichteten – zusätzliche Wärmehallen, in denen Kohlewaggons aufgetaut werden können, notfals auch mit Mig Düsentriebwerken.