ZEIT: Herr Professor Korte, sterben die Deutschen aus?

Sorte: Diese Frage wird in regelmäßigen Abständen seit 100 Jahren immer wieder gestellt. Im Moment ist sie besonders aktuell. Wir werden in den nächsten Jahrzehnten zwischen acht und zehn Millionen Menschen „verlieren“, wenn es bei dem jetzigen Verhältnis zwischen Geburtenziffer und Sterbeziffer bleibt.

ZEIT: Zum „Aussterben“ reicht das nicht. Gibt es rationale Motive der Furcht, die Deutschen könnten von diesem Planeten verschwinden?Korte: Es ist prinzipiell eine recht irrationale Vorstellung. Sie taucht in den verschiedensten Formen auf, einmal als Furcht vor „Entleerung“, mal als das genaue Gegenteil, als Furcht vor Überfremdung. Da gibt es eine ganze Kette völkischer Argumentationen, die gerade in der Bundesrepublik, aber auch in anderen Nationen immer dann zum Vorschein kommen, wenn man feststellt, daß die Bevölkerung stagniert. Bei allen bevölkerungspolitischen Sorgen sollte man nicht vergessen, daß wir vor 25 Jahren nur 53 Millionen Einwohner hatten. Und da wir heute knapp 60 Millionen Einwohner haben, haben wir überhaupt keinen echten Anlaß zu glauben, wir würden aussterben.

ZEIT: Ist diese Sorge, die Nation könnte aussterben, eine prinzipiell konservative Form der Lebensangst?

Korte: Die Äußerungen verschiedener Politiker in der letzten Zeit legen zumindest die Vermutung nahe, daß besonders konservative Kreise an einer entsprechenden Bevölkerungspolitik interessiert sind. Die Argumentation, wir würden überfremdet oder unser Volk würde verschwinden, wird dabei verknüpft mit konservativen Klagen über den Rückgang der Bedeutung der Familie. –

ZEIT: Statistisch ist aber unbestritten, daß die Deutschen nicht gerade Lust haben, sich massenhaft zu vermehren. Was sind die Ursachen solcher Kindermüdigkeit?

Korte: Wir stehen im Moment vor dem Problem, daß die klassische Demographie zum Geburtenrückgang unserer Zeit keine Theorie anzubieten hat. Sie kann nur einzelne, eklektizistische Vorstellungen ausbreiten. Das hängt damit Zusammen, daß die Bevölkerungswissenschaft bis vor wenigen Jahren im wesentlichen mit der Errechnung relativ sicherer Bevölkerungsprognosen beschäftigt war.