ARD, Mittwoch, 17. Januar, 20.15–22 Uhr: "Radieschen", Fernsehfilm von Rolf Busch nach zwei Erzählungen aus den zwanziger Jahren. "Das Radieschen" und "Rot gegen Rot", von Joseph Breitbach.

Film und Literatur: mehr Mesalliancen als glückliche Beziehungen. In dem neuen Fernsehfilm der NDR-Reihe "Verfilmte Literatur – Große Erzähler reflektieren die Geschichte ihrer Zeit" von Rolf Busch nach Joseph Breitbach bleibt die Literatur auf der Strecke, ohne daß ein guter Film aus dem Kasten springt.

Das ist deshalb bedauerlich, weil Breitbach in den 1924 und 1926 geschriebenen (1973 "überarbeiteten") Geschichten Themen anschlägt, wie sie in solcher Aktualität noch ein halbes Jahrhundert später im deutschen Fernsehen, gar im Fernsehspiel, nur selten zu sehen sind. Wann noch lassen Programmdirektoren, die zu Oberaufpassern einer fatalen "Ausgewogenheit" geworden sind, die Kamera geduldig auf eine kommunistische Parteiversammlung blicken, die Mikrophone Sätze über den "Schwindel des Kapitalismus" aufnehmen oder einen Kaufhausdirektor in aller Gemütlichkeit seinem verdatterten Personalchef gestehen, daß "unsere Firma, selbstverständlich, die KPD bei den Wahlen unterstützt", um Ruhe im Betrieb zu haben und vor Streikdrohungen bewahrt zu bleiben.

Nun wollte Breitbach, der in seiner Jugend Mitglied der Partei war, schon in den zwanziger Jahren alles andere als mit seinen Erzählungen für die KP agitieren. Ihn interessiert, wie Menschen mit den Parolen der Partei von Solidarität und Wahrheit im Alltag zurechtkommen. Was er findet, ist wenig erbaulich: Der "neue" Mensch, den die Spruchbänder fordern, ist der alte. Heuchelei, Egoismus, Unwahrheit entdeckt der Erzähler hinter den Phrasen. Nur triumphiert das einstige KP-Mitglied deshalb nicht. Ihm geht es nicht darum, seine Figuren zu denunzieren, sondern die Wahrheit über Menschen herauszubringen.

Die Objektivität des Erzählers geht im Film verloren, der Breitbachs Gestalten – wenn nicht denunziert, so doch an billiges Gelächter verrät. "Es war im ganzen Haus bekannt, daß der Liftjunge Karl ein ,Politiker‘ war", so beginnt die Erzählung "Rot gegen Rot", die ein junges Paar, den Liftboy Karl und die "Verkäuferin auf Damenkonfektion" Lene im Konflikt Privatleben oder Partei, Liebe oder Kommunismus – Rot gegen Rot – zeigt. Die ironische Distanzierung des Erzählers von Karl, der als "Politiker" in Anführungszeichen vorgestellt wird, ist aufgehoben durch die folgenden Passagen. Der ganz in der "Parteiarbeit" aufgehende Karl ist ein wirklich solidarisch handelnder Angestellter, der "allen Verkäuferinnen" in arbeitsrechtlichen oder tarifgesetzlichen Fragen raten kann. Daß er darüber hinaus an den Mädchen ein unbekümmert erotisches Interesse hat, zeigt nur, daß er alles andere als der verbissene Funktionärstyp ist, den Ronald Nitschke im Film spielen muß. Dümmlich schreiend, mit dem verkniffenen Mund dessen, der auswendig Gelerntes herbetet, muß Nitschke gleich in den ersten Minuten des Films einen (in Breitbachs Erzählung nicht zu entdeckenden) Satz aufsagen, der den jungen Mann mit der Schiebermütze des Proleten von vornherein als Apparatschik verächtlich macht: "Der Sozialismus ist nichts anderes als staatskapitalistisches Monopol, das zum Nutzen des ganzen Volkes angewandt wird."

Voll Sympathie schildert Breitbach Karl als einen zu jedem Scherz bereiten Filou. Um sich an der verklemmten Aufsichtsdame des Kaufhauses zu rächen, die ihn schikaniert, tut Karl so, als habe sie sich im Aufzug staubig gemacht: "Und ehe sie es verhindern konnte, hatte er sich gebückt und klopfte ihren Rock, als säße dort fingerdick der Staub, an der Sitzfläche ab." Der Film-Karl darf nun keineswegs seine Patschhand auf die "Sitzfläche" der alten Jungfer legen und sie somit, symbolisch, seinem Harem einverleiben, sondern muß katzbuckeln und am Rocksaum herumwischen.

Schlimmer noch wird im Film den jungen Frauen mitgespielt, die bei Napfkuchen über Parteipolitik reden ("Die Grundbegriffe des Marxismus, da fehlt’s bei dir. Wer die nicht kennt, ist heute kein Mensch"). Lene (Hansi Jochmann), die später als "Radieschen" entlarvt wird ("Rot angelackt, aber innen, wie sieht es da bei dir aus!"), muß auch als spröd-geile Frau – die sie bei Breitbach nicht ist – herhalten. Wenn Karl sie im Wald umarmen will, wendet sie sich erst ab, dann hören wir, während die Kamera auf den im Wind schwankenden Baumwipfeln verweilt, nur Lene keuchen – wieso eigentlich nicht den zudringlichen Karl? Und das so lange, bis die (allzu) ironische Stimme des "Erzählers" (Jürgen Thormann) spottet: "So, für unsere Geschichte mag das genügen ... Und jetzt sollten wir auch nicht länger hinhören." Die wechselnde Perspektive, aus der bei Breitbach erzählt wird, ist aufgegeben zugunsten der einen Optik eines sich mit herablassender Voreingenommenheit immer wieder einmischen den, "Erzählers". So geraten die beiden Erzählungen aus der Façon. Man liest sie besser in dem Band "Die Rabenschlacht" (Fischer Verlag; 268 Seiten, 24 Mark). Rolf Michaelis