Es waren nicht die unglücklichen Opfer der Nazis, die ihr unbegreifliches und in keiner Weise zu meisterndes Geschick als "Holocaust" bezeichneten. Es waren die Amerikaner, die diesen künstlichen, in hohem Maße technischen Begriff einführten, um damit die nationalsozialistische Vernichtung der europäischen Juden zu bezeichnen. Wird jedoch das Geschehen – der ruchloseste Massenmord – bei seinem wahren Namen genannt, so ruft es sofort die heftigste Ablehnung hervor; wird es hingegen mit einem seltenen Fachausdruck belegt, so müssen wir diesen überhaupt erst in eine Sprache zurückübersetzen, die für unser Gefühl etwas ‚bedeutet". Der Gebrauch technischer oder zu speziellen Zwecken entwickelter Begriffe an Stelle von Ausdrücken der gemeinsamen Umgangs-, sprache ist einer der bekanntesten Abwehrmechanismen, der bewirkt, daß die intellektuellen Erfahrungsmomente von den emotionalen abgelöst werden.

Vom holocaust zu sprechen, macht es uns möglich, den Sachverhalt intellektuell zu bewältigen, während die nackten Tatsachen, bei ihrem gewöhnlichen Namen genannt, unser Gefühl überwältigen würden ...

Diese sprachliche Verschleierung setzte schon ein, als alles noch im Planungsstadium war. sogar die Nazis schreckten davor zurück, ihrem Vorhaben gerade in’s Auge zu sehen, und nannten diesen schändlichen Massenmord die Endlösung des Judenproblems.

Die Nürnberger Richter der Nazi-Verbrecher folgten diesem Beispiel sprachlicher Verschleierung, als sie einen Neologismus aus teils griechischer, teils lateinischer Wurzel prägten: Genozid. Diesen künstlich geschaffenen Fachausdrucken fehlt jedoch gerade die Assoziation mit den stärksten unserer Gefühle. Das Grauen angesichts des Mordes gehört zum Kern unseres gemeinsamen menschlichen Erbes. Von frühester Kindheit an erweckt er in uns den heftigsten Abscheu. Wir sollten eine solche Tat daher, in welcher Abart sie auch auftreten möge, bei ihrem wahren Namen nennen

Wenn man diesen schändlichen Massenmord the Holocaust nennt, so gibt man ihm nicht etwa einen speziellen Namen, der seine Beispiellosigkeit betont – was durchaus dazu führen könnte, daß das Wort mit der Zeit jene Gefühlsqualitäten annimmt, die mit dem Ereignis, auf das es sich bezieht, verknüpft sind.

Die korrekte Übersetzung von holocaust lautet "Brandopfer". In diesem Sinne entstammt es der Sprache der Psalmen – für alle, die mit der Bibel einigermaßen vertraut sind, also ein ausdrucksstarkes Wort von hohem emotionalen Bedeutungsreichtum. Mit dem Gebrauch des Begriffes holocaust werden also durch dessen bewußte und unbewußte Konnotationen völlig falsche Assoziationen zwischen dem gemeinsten aller Massenmorde und antiken Ritualen von tiefreligiösem Charakter hergestellt...

(Aus: "Der Monat", Dezember 1978.) Bruno Bettelheim entkam dem KZ Dachau und dem KZ Buchenwald; er konnte noch vor Kriegsbeginn in die USA emigrieren