Von Wilfried Kratz

Bewegt sich Großbritannien wieder auf ein industrielles Chaos zu wie in der Drei-Tage-Woche von 1974 und dem anschließenden Wirbelsturm der Inflation mit Teuerungsraten von 25 Prozent und darüber? Die Zeichen deuten in diese Richtung. Fast vergessen ist die Phase des sozialen Friedens und der Preisberuhigung. Längst ist wieder die Rede davon, daß die Insel abermals einem Abgrund zutreibt. Der Verteilungskampf wird nämlich wieder mit Leidenschaft betrieben. In einem Jahr, das eine Erhöhung der Produktion um vielleicht zwei, bestenfalls drei Prozent sehen wird, wollen Britanniens Arbeitnehmer um zehn, zwanzig und vierzig Prozent mehr verdienen. In dieser Höhe liegen die Lohnforderungen. Es ist, als ob Ziffern aus der Luft gegriffen und dann verdoppelt werden. Ohne Zögern werden Streiks ausgerufen, um diesen Ansprüchen dann auch Nachdruck zu verleihen.

Erst legen die Ford-Arbeiter das Autounternehmen für mehr als zwei Monate lahm und boxen schließlich eine Lohnerhöhung um sechzehn Prozent durch. Dann verdunkelt das BBC-Personal die Mattscheiben, um schließlich eine Aufbesserung um 12,5 Prozent herauszuholen. Die Tankwagenfahrer schicken durch Teilstreiks und streikähnliche Aktionen die Autofahrer auf die Jagd nach dem knappen Treibstoff, bringen Busdienste in mehreren Städten zum Erliegen und zwingen zur Schließung von Schulen, denen das Heizöl ausgegangen ist. Aber fünfzehn Prozent mehr Lohn werden dann schließlich akzeptiert. Journalisten von Provinzzeitungen haben nach mehrwöchigem Ausstand ebenfalls fast fünfzehn Prozent herausgeholt.

Die Lastwagenfahrer des privaten werksunabhängigen Straßengüterverkehrsgewerbes befinden sich in einem offiziellen Streik, der das ganze Land allmählich zu paralysieren droht. Die Lokomotivführer klettern an zwei Tagen in der Woche nicht in ihre Fahrstände und verbannen das Publikum von der Schiene auf die überlasteten Straßen und erschweren so die Beförderung lebenswichtiger Güter zusätzlich. Die Eisenbahner wollen eine zehnprozentige "Verantwortlichkeitsprämie". Die Forderung für die normale jährliche Lohnerhöhung dürfte wahrscheinlich über zwanzig Prozent hinausgehen.

Am 22. Januar werden die Krankenwagen in ihren Garagen bleiben, ebenso die Müllfahrzeuge. Arbeiter, die bei den Gemeinden in Dienst stehen, werden streiken, weil ihre Gewerkschaft den Kommunen mit einem eintägigen Warnstreik klarmachen will, daß sie besser gleich mit einer großzügigeren Offerte aufwarten sollen als mit den von der Regierung als Höchstgrenze verordneten fünf Prozent.

Auch die Bergleute werden sich bald in die Schlange am Lohnschalter einreihen. Bei ihnen wird es ernst, sobald sie ihre zwanzig- bis vierzigprozentige Forderung für einen Zeitraum von acht Monaten konkretisieren. Vorsitzender Joe Gormley meinte, der staatliche Steinkohlekonzern sei gut beraten, wenn er in die Lohnverhandlungen im Geist der Tariffreiheit hineingehe. Ob das Verlangen der Leute von den Elektrizitätswerken bescheidener ausfällt, wird sich zeigen, wenn sie ihre Forderung nach einer "erheblichen" Erhöhung mit Ziffern untermauern.

Am ernstesten ist der Streik der Lkw-Fahrer, die mit einer Zulage von fünfzehn Prozent – Arbeitgeber: das absolut äußerste Angebot – nicht zufrieden sind und wenigstens zwanzig. Prozent haben wollen. Ihre Aktion trifft eine Schlagader des Landes, und die Folgen sind schmerzlich. Das liegt unter anderem an den schlagkräftig organisierten Streikposten. Sie bilden vielfach bewegliche Einsatzkommandos, von deren Mitgliedern nicht immer sicher ist, ob sie auch wirklich Lkw-Fahrer sind. Diese Streikposten bauen sich vor Werkstoren, Depots, Lagerhäusern und Häfen auf und überreden – manchmal recht nachdrücklich, aber Handgreiflichkeiten sind bisher die Ausnahme – auch solche Fahrer, die gar nicht im Arbeitskampf stehen, zur Umkehr. Dadurch wird auch der Werksverkehr weitgehend lahmgelegt.