Wie ein deutsches Unternehmen ohne Produktion Milliardengeschäfte macht

Von Hermann Bößenecker

Wo immer in einem Industrie- oder Entwicklungsland ein technischer Großauftrag in Sicht ist, da schwärmen von der Lurgi-Zentrale in der Frankfurter Gervinusstraße und ihren Dependancen in rund sechzig Staaten der Welt hochkarätige Akquisiteure aus. „Lurgi“ (einst griffiges Telegrammkürzel für „Metallurgische Gesellschaft“) steht für eine Gruppe von vier aufs engste ineinander verzahnten Ingenieurfirmen mit vierzehn Produktbereichen, die nicht weniger als 250 bis 300 technische Einzelverfahren ständig im Angebot haben. Damit verfügt Lurgi über die breiteste Palette, auch wenn sie vom Umsatz her nicht die Weltrangliste der Blaupausen-Produzenten anführt. Mindestens drei amerikanische Unternehmen rangieren vor ihr.

Die Angebotsunterlagen für den potentiellen Auftraggeber sind bei Großprojekten mitunter so umfangreich, daß sie einen kleinen Lastwagen füllen. Die Vorleistungen der hessischen Technologieverkäufer im Wettbewerb Um einen Auftrag kosten nicht selten mehrere hunderttausend Mark, im Extrem bis zu einer Million.

Drehscheibe für Know-how

Daß sich dieser hohe Einsatz lohnt, konnte Lurgi-Chef Dietrich Natus in der vergangenen Woche der staunenden Öffentlichkeit eindrucksvoll vorführen: Die Volksrepublik China vergab an die Lurgi-Öl drei Aufträge über rund eine Milliarde Mark: Für zwei Aromatenkomplexe in der Nähe von Shanghai und Nanking, in denen Benzol und Paraxylol für die chemische Industrie und Vakuum-Gasöl gewonnen werden soll, sowie für eine Terephthal-Säure-Anlage, die als Basis für eine Polyesterfaserproduktion dient.

Bereits Anfang Dezember hatte die Lurgi-Öl aus China zwei Orders für eine Methanolanlage und eine Ammoniakfabrik hereingeholt. Alle fünf Aufträge summieren sich auf 1,5 Milliarden Mark – sie machen damit den Löwenanteil des derzeitigen Auftragsbestandes der Lurgi-Gruppe von rund 3,5 Milliarden Mark aus.