Zur Imagepflege tut der untersetzte Jugoslawe mit dem deutschen Namen und dem Sauerkrautbart fast alles. So ließ sich Handball-Bundestrainer Vlado Stenzel bei einem Lehrgang der Nationalmannschaft gern überreden, zusammen mit Heinz Jacobsen, dem Männerspielwart des Deutschen Handballbundes, für einen Photographen im Schwimmbad zu posieren. Den Bundestrainer störten dabei auch die Pfunde nicht, die an seinen Hüften wuchern. Für den 44jährigen, 1,70 Meter großen Handball-Zampano aus Zagreb war nur wichtig, sich auf den Schultern des nicht minder beleibten Jacobsen ins rechte Bild rücken zu können. Stenzels Position im Pool war symbolisch und charakteristisch zugleich: Er will immer oben sein.

Mit den Mannschaften Jugoslawiens und der Bundesrepublik Deutschland schaffte dies der kauzige Coach: Mit der einen holte er sich den Oympiasieg 1972 in München, mit der anderen die Weltmeisterschaft vor einem Jahr in Kopenhagen, wo die Deutschen im Endspiel mit 20 : 19 über die UdSSR gewannen. Das deutsche Handballwunder kommentierte Spielwart Jacobsen damals so: „Vlado hat doch ein Kunststück vollbracht!“ Einem Künstler sieht jeder gern augenzwinkernd alle Verrücktheiten nach.

Im Training führte Stenzel Methoden des Ostblocks ein. Nicht nur preußisch harter Drill, auch ein neuer Stil bestimmt inzwischen das Klima: Stenzel duldet keinen Widerspruch, weder in den Hotels noch im Training und schon gar nicht während eines Länderspiels. Er ist autoritär. Ein Schleifer, dem die Spieler nicht zu widersprechen wagen. Kurt Klühspies, einer seiner Stars vom Deutschen Meister TV Großwallstadt, sagte einmal: „Er behandelt uns wie unmündige Kinder. Aber wir wissen: Nur so ist der Erfolg mit ihm möglich. Dafür schlucken wir vieles.“

„Der einzige Künstler, der nicht sensibel ist“ (Stenzel über sich), gilt als weitbester und bestbezahlter Handballtrainer. Um sein Monatsgehalt (jetzt etwa 6000 Mark) nach dem WM-Gewinn um rund tausend Mark aufzustocken, schlug er öffentlich Krach. Er drohte den Funktionären sogar mit Rücktritt. Aus dem Klappern, das zu seinem Handwerk gehört, ist mittlerweile lautes Dröhnen geworden.

Bei der Proklamation der „Mannschaft des Jahres 1978“ in Sindelfingen am 14. Dezember hielt Stenzel seine große Stunde für gekommen. Er stellte die zu Sportlern des Jahres gewählten Handballspieler mit ironisch-witzigen Bemerkungen vor, machte radebrechend Späßchen und Sprüche auf ihre Kosten. Die Spieler, in der Mehrzahl Studenten und Angestellte, fühlten sich von seiner verletzenden Scharfzüngigkeit verspottet. „Wir sind doch keine dummen Jungen“, protestierten sie. Stenzel jedoch genoß die Show, bei der er wieder einmal im Mittelpunkt stand. „Noch mal lassen wir so etwas nicht mit uns machen“, schwor Mannschaftskapitän Klühspies im Namen seiner Kollegen.

Es regte sich Widerstand. Auch deshalb, weil der Trainer bei der Vorstellung einen Mann ganz übergangen hatte, der als Manager und guter Geist der Mannschaft gilt, den Spielwart Heinz Jacobsen. Handballfanatiker Vlado Stenzel duldet keine anderen Götter neben sich.

In dem Buch „Handball-Faszination“ hat Stenzel beschrieben, wie er beharrlich und geduldig auf seine Verpflichtung als Trainer des Deutschen Handball-Bundes hingearbeitet hat. Doch auch in diesem Zusammenhang hat er den Namen von Heinz Jacobsen verschwiegen, obwohl sich der 38jährige Bundeswehrangestellte aus Kiel im Sommer 1974 beim Handballbund für den Jugoslawen mit großem Engagement stark gemacht und ihm somit den Weg ins „Handballparadies Deutschland“ (Stenzel) geebnet hatte.