Nichts ist konfus, ausgenommen der Geist.

René Magritte

Im Kosmos der Gedanken schwebt sie als ferner, bizarrer Planet, der entsteht und verglüht und wieder neu entsteht: jene Welt des Wahns, wie sie sich vor allem in bestimmten Phasen der Schizophrenie auftut – gleichermaßen schillernd und öde, faszinierend und fatal. Diese Kunstwelt, die das Gehirn aus den verschiedensten Komponenten zusammenbaut, schafft Chaos. Der sehnsüchtige Wunsch, das Chaotische zu ordnen, kann manchmal in gestalterischen Aktivitäten seinen Ausdruck finden. Und was dabei an Schöpferkraft zutage tritt, ist aufregend. Es ist der papierne, hölzerne oder tönerne Spiegel des für "Normale" gar nicht greifbaren, so fernen Wahn-Planeten. Als sei es also symbolisch gemeint, hat man die wohl bedeutendste Kollektion künstlerischer Zeugnisse "irrer" Gedanken im entlegensten Dachbodenwinkel eines Seelenhospitals untergebracht. Die 6000 Bilder und Objekte, die der Psychiater Hans Prinzhorn in der Zeit von der Jahrhundertwende bis 1920 mit Verve zusammentrug, sind dort, in der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg, nur zu einem winzigen Teil ausgestellt. Das meiste lagert ohne Passepartouts in Mappen und Schränken, die nicht gerade den Eindruck des museumstechnischen Nonplusultra machen. Manches ist beschädigt, muß restauriert werden. Der Zustand des Materials ist so heikel, daß eine systematischwissenschaftliche Auswertung kaum möglich wäre. Sie ist aber überfällig, und deshalb hat sich die Stiftung Volkswagenwerk entschlossen, mit 350 000 Mark den Boden dafür zu bereiten.

Dem Sammler Prinzhorn, der erst Kunstgeschichte, dann Gesang und schließlich Medizin studiert hatte, war exakte wissenschaftliche Dokumentation fremd. Er ließ sich allein von den schöpferischen Produkten des kranken Geistes hinreißen – die wichtigen lebensgeschichtlichen Daten der Künstler seiner Sammlung sind nur sehr lückenhaft überliefert. Das ändert freilich nichts an seinem Verdienst, als erster den Stellenwert jener Bildproduktionen zwischen Garten Eden und Fegefeuer erkannt zu haben. Vor ihm galten solcherlei Werke allenfalls als "Curiosa", als anrührende, aber konfuse Impressionen aus einem geistigen Niemandsland. In seinem hervorragenden, 1922 erschienenen Buch "Bildnerei der Geisteskranken" (heute noch im Nachdruck zu haben bei Springer, Berlin-Heidelberg-New York für DM 90,–) trat Prinzhorn den Gegenbeweis an: Für ihn waren die Werke der Wahnsinnigen Durchbruch eines allgemein menschlichen Gestaltungsdranges, der der autistischen Abkapselung der Geisteskrankheit entgegenwirkt.

Auf einem Bild des Schizophrenen Mebes, Uhrmacher und Schöpfer wunderbarer Aquarellminiaturen, scharen sich skurrile Gestalten im bläulichen Licht um ein Irrenhaus, das nach Venezianer Art auf Pfählen gebaut ist. Die Pfähle bestehen allerdings aus umgedrehten Kreuzen – "Venedig im Dunkeln".

Oskar Voll, über den fast nichts bekannt ist, lebte um die Jahrhundertwende und spiegelt in seinen Zeichnungen Symbole von damals wider: Ein General Seiner Kaiserlichen Majestät sieht sich ebenbürtig dem Gestirn des Mondes, greift nach den Sternen und scheint sich dabei zu verbrennen.

Der Bauzeichner Joseph Seil, schizophrener Schöpfer vor allem sadomasochistisch angehauchter Phantasien, hat Gott gemalt, "der aussieht wie ein Affe mit einer Purpürmütze, rechts ist sein Kristallauge, mit dem er in den Weltenraum schaut; unten sein Afterauge, mit dem er auf die Erde blickt" (Seils Beschreibung, festgehalten von Prinzhorn).