Von Bernhard Kytzler

Im Mittelalter bauten mitunter mehrere Generationen an einer Kathedrale. Unsere technisch so tüchtige Zeit errichtet Großbauten meist in kurzer Frist. Aber auch heute gibt es Unternehmungen, die mehr als ein Menschenleben zu ihrer Vollendung benötigen. Anzuzeigen ist die Fertigstellung einer Kathedrale der Gelehrsamkeit, zu Kaisers Zeiten begonnen, durch zwei Weltkriege und wirre Zeiten beharrlich weitergeführt, 84 Jahre nach Publikationsbeginn vollendet –

„Paulys Real-Encyclopädie der classischen Altertumswissenschaft – Neue Bearbeitung, begonnen von Georg Wissowa, fortgeführt von Wilhelm Kroll und Karl Mittelhaus, unter Mitwirkung zahlreicher Fachgenossen herausgegeben von Konrad Ziegler abgeschlossen unter Redaktion von Hans Gärtner; 83 Bände; jetzt erschienen: Supplementband XV: „Acilius–Zoilos“; 1675 S., 338,– DM; alle im Druckenmüllerverlag; München.

Als 1894 der erste Halbband („Aal“–„Alchemie“) veröffentlicht wurde, plante der damalige Editor „ein Dutzend Lebensjahre daran zu wagen“ und glaubte in 10 Jahren mit 10 Bänden abschließen zu können. Wie man sieht, haben sich Umfang und Laufzeit verachtfacht. Hatte man mit einer grotesken Fehlplanung begonnen?

Man täte dem Andenken des großen Gelehrten Georg Wissowa mit einer solchen Annahme Unrecht. Seine Konzeption war klar und knapp: Sie zielte auf die Erneuerung eines sechsbändigen Lexikons (Pauly) aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Aber sie beruhte auf einem geschlossenen Gedankengebäude, das immer stärker der „explosion of knowledge“ unserer Zeit ausgesetzt war.

Bezeichnendes Beispiel: ein Artikel „Demokratia“ war „ursprünglich überhaupt nicht in Aussicht genommen“ (Suppl. I S. V aus dem Jahre 1902) und fand erst nachträglich Aufnahme. Ein Gegenbeispiel mag die Grenzen des Unternehmens anzeigen: Ein Artikel „Utopie“ scheint ganz zu fehlen: Für eine Real-Encyclopädie ist die Utopie offenbar nicht real genug.

„Scheint zu fehlen“ müßte es heißen – nicht weil der Referent des Alphabets unkundig oder zu suchen unwillig wäre, sondern weil erst ein. noch ausstehender Registerband– als eine Art Führer durch Grüfte und Grotten der Geisteskathedrale – die vielfach verstreuten Nachträge, Ergänzungen, Berichtigungen und Supplemente voll erschließen wird. Gerade da ist viel Wichtiges und Wertvolles verborgen. Mitunter wohl auch ein wenig Wunderliches: Der letzte, jetzt erschienene Band, „Supplementum XV“, behandelt auf 1676 Spalten unter anderem die Weltalterlehren und den Wolf, beschreibt die apokryphen Apostel-Akten (deren „roman“-hafte Züge gut herausgearbeitet sind) und handelt vom Floh (pulex irritans), der hier, auf sechs Spalten, peinlich genau quer durch die Antike verfolgt wird, natürlich scharf geschieden in die Kategorien 1) „Der wirkliche Floh“ und, zweitens bis viertens, drei mindere Arten. So vollkommen diese Floh-Show auch ist: der Mangel an utopischer Optik hat jene Stelle aus der „Expositio totius mundi“, der „Darstellung der ganzen Welt“, vergessen lassen, in der ein utopisches Glücksland beschrieben ist, das, Gipfel antiken Glücks, ganz ohne Flöhe und anderes Ungeziefer erträumt ist.