Der Vorwurf stammt von Bruno Bettelheim: moderne Geschichten für Kinder vermieden "existenzielle Probleme", lieferten keine Symbole zum Umgang mit diesen Fragen, klammerten grundlegende menschliche Nöte (zum Beispiel Tod, Altern, Trennung) aus. Die Analyse rifft sicher auf einen großen Teil sogenannter realistischer Kinderliteratur zu, Aber die Verkünder der "Tendenzwende" haben aus Bettelheims Kritik eine wissenschaftliche Rechtfertigung für die Wiedererweckung von Zwerglein und Häschen machen wollen.

Während sich bei uns die Fronten verhärten, zeigt ein Norweger (die nördlichen Nachbarn waren uns ja auf dem Gebiet immer ein bißchen voraus) in einem schön 1975 geschriebenen Buch, wie Phantastisches, Symbolhaftes sinnvoll in eine realistische Geschichte eingebracht werden kann, nachzulesen in

Tormod Haugen: "Die Nachtvögel", aus dem Norwegischen von Gerda Neumann; Benziger Verlag, Zürich; 144 S., 13,80 DM.

"Und da sah er sie! Wie schwarze Schatten. Noch schwärzer als die Nacht. Sie tauchten einfach aus dem Dunkeln auf und waren da. Große, flatternde Schwingen mit rauschenden Federn. Augen rot und starrend, als ob Feuer darin glomm."

Die "Nachtvögel" sitzen in Joachims Schrank. Er schließt sie abends ein, aber immer, wenn ihm seine Schwierigkeiten über den Kopf wachsen, versuchen die Vögel nachts auszubrechen.

Joachim hat zu wenig Selbstvertrauen. Er hält sich für einen Schwächling, weil andere ihn so nennen. Und als er für Maj Brit ein Taschentuch klauen will, wird er auch prompt erwischt. Er hat kaum Freunde, weil er glaubt, daß keiner an ihm interessiert sei. Und Sara, die Starke, gibt sich nur mit ihm ab, weil er auf ihre Gruselgeschichten so gut anspringt.

Durchs Treppenhaus geht Joachim wie durch einen Schreckensparcours, damit er nicht durch einen falschen Tritt eine der von Sara entworfenen Horrorvisionen entfesselt.