Knorrige Ulmen als Rahmen knorriger Friesenhäuser

Von Gerhard Seehase

Damals hatten wir diesen Weg immer zu Fuß gemacht. Und wenn wir dann auf der Schotterstraße von Wyk nach Nieblum, vorbei an dem neugepflanzten "Wäldchen", endlich den Türgriff unseres "Schullandheims" in der Hand hatten, war es meistens zu spät geworden, um die Lehrer der Altonaer Schlee-Schule davon überzeugen zu können, daß Steinesammeln wichtiger sein könnte als ein im Stundenplan fest verankertes Abendessen.

Nieblum auf der Insel Föhr, gerade prämiiert als das schönste Dorf Deutschlands, ist ins Gespräch gekommen. Bislang noch Geheimtip der Sommerfrischler ("bitte nicht weitersagen"), befürchtet der kleine Ort, daß zu viele touristische Zugeständnisse an den Bestandteilen alter Lebensformen nagen könnten. Nur, das nordfriesische Dorf Nieblum wäre wohl kaum preisgekrönt worden, hätte es seinen Charakter entscheidend verändert. Und die Nieblumer, mitsamt ihrem Bürgermeister Schumpe, versprechen, daß sich daran "auch nichts ändern wird".

Gewiß, die Straße von Wyk nach Nieblum ist. asphaltiert; das "Wäldchen" ist – fast – zum Wald geworden; das Schulheim hat einige Zusatzbauten bekommen; aber die Friesenhäuser mit . ihren Reetdächern und den blankgeputzten Scheiben sehen noch genauso aus wie vor -zig Jahren, als noch der Autobus von Dorf zu Dorf fuhr.

Und dann der "Friesendom", die Kirche St. Johannis, die immer noch so aussieht, als würde sich hier der Pastor mit Erfolg gegen einen Einfall-militanter Inselnachbarn behaupten können. Die Grabsteine auf dem Kirchen-Friedhof – damals hatten wir natürlich kein Auge dafür – erzählen Geschichten.

Etwa die, daß ein "Kommandeur", wie die Kapitäne der Walfangschiffe respektvoll genannt wurden, sein Leben "auf der See" lassen mußte, während zu Hause die vielköpfige Familie wartete. Etwa die, daß ein Kantor gelobt wird, der sich "um Gesang und Lehre der Daheimgebliebenen" verdient gemacht hat. Oder gar die, daß von einer Magd gesagt wird, sie habe ein uneheliches Kind bekommen.