Satyr mit Sozialversicherung – Seite 1

Von Benjamin Henrichs

Ein Traum von Menschlichkeit": das stand damals, im düsteren Herbst 1977, über einer Theaterkritik der ZEIT. Beschrieben wurde eine Goethe-Inszenierung ("Iphigenie auf Tauris") von Claus Peymann. Beschrieben wurde aber auch die politische Situation, in der diese Inszenierung eines deutschen Klassikers entstand: Es war der Herbst der Terroristen und der vom Terror erschütterten (leider auch hysterisierten) Bürger; es war die Zeit, als der väterliche Landesfürst Filbinger (dessen eigene, zweifelsfrei antiterroristische Vergangenheit kurz danach bekannt wurde) einen Theaterleiter namens Peymann fristlos entlassen wollte; angeblich, weil der einen Spendenaufruf für die Zahnbehandlung von Stammheim-Häftlingen ans Schwarze Brett des Theaters gehängt hatte, tatsächlich, weil man eine günstige Gelegenheit sah, Peymanns Theater aus Stuttgart zu verbannen.

Nur ein Jahr später ist aus dem politisch Verfolgten ein Verfolger geworden. Aus einem, den ein Landesherr vertrieben hat, selber einer, der nach Herrenart Untergebene arbeitslos macht, aus einem Linksradikalen ein Rechtsradikaler, aus Filbingers Opfer eine Art Filbinger des deutschen Stadttheaters. "Es ist nicht zu sagen, was widerwärtiger ist. Daß es Leute wie Peymann gibt oder Verhältnisse, die das zulassen." So schreibt die Zeitschrift "bühnengenossenschaft", das Fachblatt der Theatergewerkschaft, im Dezember 1978. Und die Überschrift zur Philippika: "Peymann 1978 – ein Alptraum von Menschlichkeit".

Claus Peymann, vom nächsten Herbst an Intendant in Bochum, hat nach eigener Zählung 30, nach Zählung der Gewerkschaft 44 Mitgliedern des Hauses gekündigt – ein Kampf um Zahlen, der nach allen Regeln der Rabulistik ausgefochten wird. Hat er nicht genau das – getan, was gerade die konservative Presse vom Intendanten immer verlangt: "durchgegriffen" an einem gerade nach Maßstäben der konservativen Presse "heruntergewirtschafteten" Hause? Warum stimmt jetzt auch die Welt in Herdleins Gesang von der "Unmenschlichkeit" Peymanns ein, weint Krokodilstränen sozialen Mitleids? Doch solche Widersprüche sind nur ein Aspekt der Affäre, der heiterste, nicht der wichtigste. Gar nicht heiter, doch für das deutsche Theater höchst bedeutsam ist die Kampagne der Bühnengenossenschaft gegen Peymann: was die Gewerkschaft sagt, wie sie es sagt – und was sie verschweigt.

Hans Herdlein, leitender Redakteur und Leitartikler des Genossenschaftsblattes, ist kein Künstler im Umgang mit der deutschen Sprache. Dies muß ein Gewerkschafter, auch ein journalistisch dilettierender Gewerkschafter, nicht unbedingt sein. Doch ob sein von Jahr zu Jahr grobschlächtiger werdendes, selbst den Bayernkurier tief unterbietendes Agitationsvokabular geeignet ist, die überaus heiklen Beziehungen zwischen künstlerischen und sozialen Fragen darzustellen, ist mindestens zweifelhaft. Leider nicht einmal zweifelhaft (und keine Frage des schönen Stils, sondern der politischen Moral) ist die Doppelzüngigkeit der Theater-Gewerkschaft: wortgewaltig, wo es den eigenen Zwecken dient; hasenherzig, wo es um andere als gewerkschaftliche Interessen der Theaterleute geht.

So verschweigt die Genossenschaft in ihrer ganzen Anti-Peymann-Kampagne, daß auch in Stuttgart Schauspieler "arbeitslos" gemacht wurden, durch eine politische Repressalie an der Fortsetzung ihrer höchst erfolgreichen Arbeit gehindert. Aus der Perspektive der Genossenschaft scheint es nur eine Form des Arbeitsplatzverlustes zu geben: durch Kündigung (beziehungsweise Nichtverlängerung) eines Vertrages. Für jene andere (zugleich subtilere wie brutalere) Methode, Theaterarbeit politisch zu behindern, zu beenden, fehlt ihr jede Sensibilität. Ihr geht es um einen besseren Normalvertrag für den Schauspieler mehr als um dessen Grundrechte. Die soziale Sicherheit der Künstler ist ihr ein heiligeres Anliegen als die (immer bedrohte) Freiheit der Kunst. Man könnte ihren Lärm in der einen Sache besser ertragen, wäre nicht ihr Schweigen (bestenfalls Flüstern) in der anderen.

Die Bühnengenossenschaft verschweigt die sehr besondere, mit keinem anderen Theater vergleichbare Situation, die Peymann in Bochum vorfand. Vielleicht muß sie das tun: Für eine Gewerkschaft ist jedes Mitglied ein Schutzbefohlener, Unterschiede kann sie da keine machen. Für sie ist die Qualitätsdiskussion tabu, jeder Arbeitsplatz (auch der sinnlose oder sinnlos verwaltete) ein zu erhaltender, jedes Ensemble ein zu verteidigendes, jeder am Theater Engagierte ein für das Theater Qualifizierter. Nur logisch, wenn sie in einem Flugblatt (Überschrift: "Peymann dreht durch") vom "bewährten Ensemble" in Bochum redet, Peymann für dessen Liquidierung haftbar macht.

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Tatsächlich (und ich verstehe schon, daß die Gewerkschaft das nicht sagen kann) ist das Bochumer Ensemble in den letzten Jahren nie ein Ensemble gewesen, schon gar kein "bewährtes". Und gerade darin bestand sein Rang, sein Charme und seine Fragwürdigkeit. Kein Ensemble – sondern die höchst unbeständige Versammlung sehr lebendiger, sehr lustiger Theaterleute um vor allem zwei Regisseure, um Peter Zadek und Augusto Fernandes. Es gab da, schon, zu Zadeks Zeiten, ein Kommen und Gehen wie an keinem vergleichbaren deutschen Theater. Es gab mehr Phantasie (und mehr Chaos) als irgendwo sonst. Als Zadek wegging, nannten die einen das Bochumer Theater einen "Trümmerhaufen", die anderen bestanden darauf, daß es noch immer zu den interessantesten des Landes gehöre – seltsamerweise haben beide Seiten irgendwo recht.

In Bochum nämlich geriet mehr durcheinander als die preußischen Ideale von einem ordentlich geführten Stadttheater. Es zerbrachen Barrieren zwischen Professionalismus und begabtem Laientum, es wankten die ehernen Kategorien: Kunst oder Nichtkunst, das war hier nicht mehr die Frage. Der berühmteste Schauspieler des Theaters, Ulrich Wildgruber, war mehr als ein Protagonist, war ein Symbol für BO: ob er ein genialer Schauspieler ist oder gar keiner, ob er sein Handwerk (die schöne Deklamation, die sichere Bewegung) einfach nicht beherrscht, oder ob er der erste Schauspieler des 21. Jahrhunderts ist, darüber wird man noch streiten, wenn wir alle Greise sind. Aber Wildgruber war nicht der einzige – es gab an diesem Bochumer Theater mehr merkwürdige; Menschen als anderswo. Und ob man mit ihnen Theater machen kann oder nur Zirkus, Zadek-Theater oder gar kein Theater, ist "objektiv" schon gar nicht zu beantworten. Wer diesem Bochumer Theater beitrat, akzeptierte damit, keinem normalen, wohlgeordneten Schauspielbetrieb, keinem friedlichen, sozial befriedeten Hause anzugehören, er ließ sich ein auf ein Stück Anarchie.

Man kann also das BO-Theater, selbst die Reste davon, sehr mögen – und es trotzdem für richtig halten, wie Peymann entschieden hat. Man kann die Bochumer Besonderheiten liebenswert finden (daß es dort nicht weniger als neun Assistenten gibt, eine kurios organisierte Verwaltung, Schauspieler, der deutschen Sprache kaum mächtig) – und trotzdem Peymann verstehen, der anders arbeiten will (und muß), als es Zadek und Zadeks Erben taten. Wobei man nicht verschweigen darf, daß Peymann auch in dieser Affäre durch die ihm eigene Unbesorgtheit Verwirrung gestiftet hat: durch frohgemute (und wie sich jetzt zeigt: verfrühte) Ankündigungen, er werde nicht als "eiserner Besen" nach Bochum kommen. Das haben ihm Leute dankbar geglaubt, haben sich vielleicht schon auf die Arbeit mit ihm gefreut Ihre Enttäuschung, ja Bitterkeit jetzt hat gute Gründe.

Aber es geht in Bochum nicht nur um Bochum, nicht nur um die neueste Affäre Peymann. Für die Genossenschaft ist Bochum nur ein Vorwand; deshalb geht sie auf die spezifische Bochumer Situation konsequent nicht ein. Gewiß versichert Hans Herdlein, auch er wolle keinesfalls den "Darstellungsbeamten" – aber seine längst außer Kontrolle geratene Kampagne hat doch nur ein Ziel: Schritt für Schritt auch am Theater jene Quasi-Unkündbarkeit herzustellen, die selbst in "freien" Berufen, in Funkanstalten wie in Zeitungen, längst soziale Norm geworden ist. Gegen diese Ideologie, die auch den Schauspieler in ein Wohlfahrtswesen verwandeln will, tritt dann jene andere an, die kühn erklärt, das Theater solle wieder wie ein Wanderzirkus werden, keine Behörde für Schauspielkunst. Das sagen vorzugsweise solche (wie Peter Zadek), die es sich am ehesten leisten können, die auch in einem Wanderzirkus-System überleben würden – zwar keine Wohlfahrtswesen dann, Wohlstandswesen aber ganz bestimmt.

Tatsächlich bringt weder der Biedersinn der Gewerkschaften noch die Romantik der Genies den Konflikt einer Lösung näher. Tatsächlich hat unser von der Verbeamtung bedrohtes Subventionstheater weit mehr künstlerische Qualität produziert als der schnöde Kommerz, die freie Theater-Marktwirtschaft anderswo. Das deutsche Theater, das ökonomisch reichste der Welt, ist wohl auch das künstlerisch reichste – das klingt arg vaterländisch, ist aber so. Selbstverständlich hat das von einem Sozialstaat unterhaltene Theater sich auch an elementare Umgangsformen eines Sozialstaates zu halten. Dies nützt nicht nur dem Frieden, es nützt auch der Kunst: Der Schauspieler mit ständigen Existenzängsten ist nicht der bessere Schauspieler. Und daß auch ein, Theatermensch bürgerliche Sehnsüchte hat (nach Ferien, Reisen, vielleicht sogar Kindern) sollte niemand beklagen, der selber auf einem gut gewärmten Arbeitsplatz sitzt.

Irgendwo, auf einer imaginären Mittellinie zwischen Wanderzirkus und Wohlfahrtsstaat muß das Theater balancieren. Das heißt prosaischer: Theaterkünstler müssen kündbar bleiben, so richtig es ist, wenn über die Modifikationen (Kündigungstermine, Abfindungen, besondere Regelungen für ältere Schauspieler) weiter gestritten wird. Ein Balanceakt, bei dem die Beteiligten allerdings zunehmend unsicher aussehen, die Theaterleute genauso wie die Theaterpolitiker.

Zwei Beispiele, von vielen, aus Frankfurt, aus Hamburg. Auch am Frankfurter Theater am Turm (TAT) hat man an der Hinterlassenschaft eines Genies schwer zu tragen. Die ruinöse Episode Rainer Werner Fassbinder und ihre Konsequenzen: Fassbinders Nachfolger Hermann Treusch war es immerhin gelungen, das TAT vor dem Exitus zu retten, ein zwar nicht glanzvolles, aber nützliches Kinder- und Jugendtheater zu veranstalten. Die CDU, in Frankfurt an die Macht gelangt, kündigte Treuschs Vertrag – legitim und richtig deshalb, wenn das TAT-Ensemble sich mit seinem Leiter solidarisierte, zumal das Motiv für die Kündigung ein offensichtlich politisches war. Kaum noch verständlich aber, wie das Ensemble dann die Bemühungen des Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann sabotierte, einen neuen Theaterleiter zu finden. Eine von Hoffmann vorgeschlagene, sehr vernünftige Lösung (die Leitung des TAT durch Jürgen Bosse und Roland Schäfer) lehnte das Ensemble ab, beharrte auf den eigenen, kaum profilierten Kandidaten. Das Motiv ist leicht durchschaubar: Angst vor Entlassungen. So ist die Mitbestimmung an einem Theater zur schieren Selbstverteidigung entartet; man sagt Kontinuität und meint die Verewigung des Status quo.

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Von Kontinuität, zweites Beispiel, war auch die Rede, als der Schauspieler Peter Striebeck von einer Findungskommission zum neuen Thalia-Theater-Intendanten nominiert wurde. Auch da hat, neben einer berechtigten Sympathie für Striebeck, Angst mitgespielt. Die Angst eines (keinesfalls überragenden) Ensembles vor einem unbekannten Theaterleiter, die Angst um den eigenen Arbeitsplatz, die Angst auch der Kulturpolitiker, den längst unüberschaubaren "Hamburger Theaterkrieg" um einen arbeitspolitischen Konflikt zu bereichern.

Striebecks Wahl, Hans-Michael Rehbergs Beinahe-Berufung zum Interims-Intendanten am Schauspielhaus, das überraschende Wohlwollen der Findungskommission für den Burgtheater-Direktor Achim Benning, auch er ein Schauspieler-Intendant: die Hamburger Intendantenwahl hat viele Aspekte, zumeist traurig-groteske. Fast der wichtigste: auch sie dokumentiert die wachsende Neigung zu mittleren, überschaubaren Lösungen, eine wachsende Angst vor schwierigen oder gar exzentrischen Künstlern, vor Bochumer oder Stuttgarter Verhältnissen. Der Hamburger Kultursenator, so einzigartig dürftig er seine Rolle auch spielt, handelt da ganz in der Tradition seiner Partei: Es soll sittsam zugehen im Land, und in den Künsten ganz besonders.

Das Theater, so sieht es im Augenblick leider aus, gerät immer fester in den Würgegriff derer, die endlich Ordnung stiften wollen: der Rechten, die politische Ruhe und ästhetisches Wohlverhalten wünschen, der Linken, die vom totalen sozialen Frieden träumen. Es kämpfen die Herdleins und die Filbingers an sehr weit voneinander entfernten Schauplätzen den nämlichen Kampf.