Die bevölkerungspolitische Diskussion wird falsch geführt

Von Wolf-Rainer Leenen und Albrecht Müller

Es muß Verwirrung und Betroffenheit auslösen, wenn in einer nach ihrem Selbstverständnis liberalen und dem Menschenbild der Aufklärung verpflichteten Zeitung wie der ZEIT mit erschreckender Einseitigkeit ein Thema aufgegriffen wird, in dessen Verzeichnungen und Verdrehungen sich Nationalkonservative nun schon seit geraumer Zeit überbieten. Sterben die Deutschen tatsächlich aus? Machen sie’s den Dinosauriern nach? Wohl kaum. Hier ist entschiedener Widerspruch angezeigt.

Im dreißigsten, dem Jubiläumsjahr des Grundgesetzes und im Jahr des Kindes wird sich an der Diskussion um die Bevölkerungsentwicklung beispielhaft erweisen, wie es um die Substanz unserer demokratischen Verfassung steht. Die Art der Auseinandersetzung um dieses Thema kann ein Test dafür sein,

  • ob die demokratische Willensbildung in der Bundesrepublik von emotionalen und vorurteilsbehafteten oder eher von rationalen und nachdenklichen Argumenten bestimmt wird;
  • ob völkisch-kollektivistische Vorstellungen oder die Belange des einzelnen hierzulande dominieren;
  • ob schiere Angst oder demokratisches Selbstbewußtsein und Aufgeklärtheit die Diskussion prägen.

Nawrocki hat alles getan, diesen Test negativ ausgehen zu lassen. Sein Beitrag nimmt praktisch alles auf, was an Halbwahrheiten, Vorurteilen und dramatisierenden Schlagworten aufzulesen war. Er schließt mit der Forderung an den Staat, endlich Bevölkerungspolitik zu betreiben, damit den Regierenden in Bonn nicht „das Volk der Regierten abhanden kommt“.

Der Debatte um die Bevölkerungsentwicklung fehlen auf weiten Strecken alle Elemente eines rationalen Diskurses, wie er einer demokratischen Gesellschaft gemäß wäre. Das Gespenst vom sterbenden Volk appelliert statt dessen an archaische Ängste und vorzivilisatorische Vorstellungen. Dabei beruht die Angst vor dem „Wenigerwerden“ oft nur auf dem Vorurteil, daß für die Bevölkerungsentwicklung gilt, was für unser Wohlstandsverhältnis längst fraglich geworden ist: daß nämlich mehr immer auch besser bedeuten muß. Der Kindersegen wird platterdings an der Stückzahl gemessen!