Ein Staatsbesuch, geplant wie ein Weltraumunternehmen

Von Ulrich Schiller

Washington, im Februar

Amerika ist endlich wieder einmal mit sich selbst zufrieden. Der Mann, der das zuwege gebracht hat, bekommt zwar kaum die Füße auf den Boden, wenn er bei Tische sitzt, doch er ist ein mächtiger Mann – wie schon vor seinem Besuch bekannt war, und er ist ein äußerst kluger, tüchtiger und sehr beherrschten Mann – wie die Zeitungen des Landes jetzt nach seinem Besuch in hohen Tönen des Lobes schreiben. Henry Kissinger, der von ihm in Seattle empfangen wurde, warnte politische Leichtgewichtler, wer mit Deng Xiaoping (Teng Hsiao-ping) verhandeln wolle, müsse genauestens wissen, wovon er redet. Henry Ford II. befand anerkennend, Deng würde überall und an jedem Platz seinen Mann stehen. Hartgesottene Journalisten, die ihm durchs Land gefolgt waren, sangen zum Abschied vierfüßige Verse auf das Reimwort „Hegemonie“. Und ein Gehilfe Carters im Weißen Haus berichtete begeistert: „Die beiden, Carter und Deng, waren wie kleine Jungs, die etwas wirklich Gutes gemacht haben, richtig stolz waren sie auf sich selbst.“

Es war ein Mann von solcher Statur, der den Amerikanern China zurückgebracht hat – als eine atemberaubende Perspektive: Hoffnungen auf einen riesigen Markt, Aussichten auf eine neue Ölquelle, dazu die mehr heimliche, beinahe furchtsame Erwägung, daß sich allein schon unter dem Einfluß einer amerikanisch-chinesischen Zusammenarbeit, ohne irgendein antisowjetisches Allianzgebärden, die Kräfteverhältnisse in der Welt auf Kosten der Sowjetunion verändern könnten.

Den „Verlust“ Chinas im Jahr 1949 hatte Amerika nie verschmerzt. Doch nicht Präsident Carter mit der überraschenden Anerkennung der Volksrepublik hat es „zurückgebracht“, sondern Deng Xiaoping mit der Summe seiner vom Fernsehen multiplizierten Auftritte, von denen jeder einzelne genau geplant und durchdacht gewesen ist. Erst der Besuch des stellvertretenden Ministerpräsidenten aus Peking hat die Öffnung Chinas für die Vereinigten Staaten plastisch und glaubhaft gemacht.

Deng Xiaoping hatte seine Amerikareise erkennbar auf mehrere Ziele hin angelegt. Er wollte

  • amerikanische Wirtschaftskraft und Technologie für China mobilisieren,
  • Amerika für eine härtere Haltung gegen Moskau gewinnen,
  • der Sowjetunion und ihrer vietnamesischen Gefolgschaft in Südostasien einen Denkzettel verpassen,
  • Führungsqualität, Führungsmechanismus und die Substanz Amerikas besser verstehen, die er zu Zeiten des Vietnamkrieges einen Papiertiger genannt hatte,
  • nach China seine eigene Rolle und die Bilder jenes Landes zurückspiegeln, aus dem für Dengs Modernisierungskurs Hilfe kommen soll.

Im Gegensatz zu den meisten Sowjetführern, die noch heute Mühe haben, die Bedeutung des Kongresses und seine oft krausen Mechanismen im politischen Leben der Vereinigten Staaten zu verstehen, hatte Deng Xiaoping längst begriffen, daß in diesem Lande der Präsident nicht allein regieren kann. Deng besuchte das Capitol. Senatoren wie Abgeordneten des Repräsentantenhauses versicherte er, was die Gesetzgeber der Regierung Carter nicht abnehmen wollen, daß nämlich Taiwan alle Rechte auf eigenen Handel und Wandel, ja auf eigene Streitkräfte behalten solle und daß Peking mit langer Geduld auf eine friedliche Wiedervereinigung hoffe.

Ohne Zweifel sprach der Mann aus Peking nicht wenigen Amerikanern aus dem Herzen. Bei einem Mittagessen in Atlanta, über Kalbsschnitzel und Rumtorte für 1400 Gäste der Handelskammer, gab es rauschenden Beifall, als Deng vor den „strategischen Plänen der Kriegstreiber“ warnte und diesem wohlständischen Südstaaten bürgertum nahelegte, daß der Friede nicht allein durch Gebet zu erhalten sei. War Deng ein Verführer, wie das sowjetische Parteiorgan Prawda schrieb?

Deng war auf seine Mission blendend vorbereitet, und er war geschickt. Er wußte, wie man amerikanische Herzen öffnet. In Atlanta, in Houston/Texas, in Seattle, überall stellte er von vornherein klar, daß er und Hunderte von Millionen Chinesen von Amerika lernen wollen, daß China ein Entwicklungsland ist, daß es gegenwärtig arm und schwach ist. Er sagt, nicht Millionen, sondern Milliarden und Abermilliarden Dollar brauche sein Land für die vier Modernisierungen (Industrie, Landwirtschaft, Wissenschaft und Technik, Streitkräfte). Aber es liegt nichts Bettelndes in seinen Worten. Deng macht keinen Kotau.

Agitprop-Phrasen kommen nicht über seine Lippen. Mao Tse-tung kommt nur auf Befragen vor, die Partei erwähnt er nie, höchstens, daß er China zum starken sozialistischen Land erblühen sieht. Deng weiß genau, wo die Kraftquellen seiner Macht liegen. Fernsehleute fragen ihn, ob seine Modernisierungspolitik von Dauer sei, ob sie ihn selbst wohl überdauere, schließlich sei er bereits in respektierlichem Alter. Er antwortet, die Garantie für die Dauer dieser Politik liege darin, daß sie richtig sei.

Siebzehn Gouverneure, also die Regierungschefs von siebzehn Bundesstaaten, hatten sich in Atlanta eigens versammelt, um Deng Xiaoping ihre Visitenkarte zu überreichen. Deng hat Komplimente von Bürgermeistern und Abgeordneten bekommen, Industrielle, Bankiers, Techniker und Manager machten ihm ihre Aufwartung. Flugzeugwerke wie Boeing und Lockheed haben ihre Tore geöffnet und mit Dengs Delegation verhandelt; die Mineralölindustrie von Houston sieht einer hoffnungsvollen Zusammenarbeit bei der Erschließung chinesischer Ölvorkommen entgegen; der größte Geflügelproduzent der Welt möchte 900 Millionen Chinesen mit Hühnerfleisch beglücken; Ford verhandelt über den Bau eines Automobilwerkes in China; Konzernherr Henry Ford II. selber war aus Detroit gekommen, um Deng die Fließbandproduktion von Luxuslimousinen vorzuführen. Er erklärte mit dem Brustton der Überzeugung, auch sein Großvater hätte einen so aufwendigen Empfang für einen Kommunistenführer gebilligt.

Zwischen Flugplätzen und Hotels hat Deng Xiaoping dann zu sehen bekommen, was man in amerikanischen Städten so sieht: Motels und Tankstellen und McDonald’s und Einkaufszentren. Die Hotels, in denen er wohnte, waren modernster Bauart. Maß sein, daß auch diese Schau den Gast beeindruckt hat, weil so ungeheuer viele Menschen so schnell und überall ihre Bedürfnisse nach den gleichen Gewohnheiten befriedigen können. Deng Xiaoping war sichtlich nicht daran gelegen, das Leben der Amerikaner kennenzulernen, ihn interessierte ihre efficiency“. Nur einmal fragte er ganz am Rande einen Arbeiter bei Ford, wieviel er verdiene und wie lange er arbeite – und unterdrückte sein Erstaunen, daß dieser Mann innerhalb einer Vierzigstundenwoche ungefähr soviel verdient wie ein chinesischer Durchschnittsarbeiter im Jahr.

Deng hatte lange vor seiner Abreise festgelegt, er wolle in Amerika Raumfahrt und Technik sehen. Die Nasa erfüllte einen Teil seiner Wünsche, was für ihn um so wichtiger war, als ihm Militärtechnik ja verschlossen blieb. Da saß er nun vor einem Armaturenbrett, hatte etwas umständlich die Kopfhörer genommen und vernahm die Stimme des Astronauten Alan Bean: „30 000 m Höhe – dreifache Schallgeschwindigkeit ... 20 000 – doppelte Schallgeschwindigkeit – rechts der Pazifik, links die Wüste Kaliforniens... Los Angeles im Blickfeld ... 1500 Meter Höhe – Exzellenz, jetzt bitte den Knopf drücken.“ Die Exzellenz drückte den Knopf, das Fahrwerk wurde ausgefahren, gespannt lugte Deng Xiaoping über den Rand aus dem Fenster, auf dem die Landschaft in der Landebahn des space-shuttle abrollte. Mit 320 Stundenkilometer setzte die Weltraumfähre auf der 5000 Meter langen Rollbahn auf. „Noch mal“, sagte Deng Xiaoping begeistert. Der Computer im Instrumentenkasten für den simulierten Landeanflug des Raumfahrzeugs wurde zurückgedreht. Seine Exzellenz, der stellvertretende chinesische Ministerpräsident, schien wirklich fasziniert. Es war einer der wenigen Momente dieser Reise, an denen der sonst so selbstbeherrschte und kontrollierte Mann etwas Spontanes tat.

Der Doyen unter den amerikanischen Journalisten in der Begleitung Dengs verfiel daraufhin in trübes Nachsinnen. Diese Reise war so gänzlich ohne Spontaneität verlaufen, und der Kollege erinnerte sich plötzlich der Zeiten vor zwanzig Jahren, als polternd und prahlend, aber sehr wißbegierig Nikita Chruschtschow durch Amerika zog. Chruschtschow hatte damals zum Wettstreit der Systeme herausgefordert und prophezeit, 1980 werde die Sowjetunion Amerika eingeholt und überholt haben. Nur die Militärs würden ihm heute recht geben.

Deng Xiaoping hat keinen Wettstreit verkündet. Er sucht Gemeinsamkeit gegen das von Chruschtschow entwickelte sozialimperialistische System“. Die Sowjets haben es Carter sehr übelgenommen, daß in dem amerikanischchinesischen Pressekommuniqué zum Abschluß der Staatsvisite wiederum das chinesische Lieblingswort von der Abwehr des Hegemonismus vorkommt. Doch in Washington verweist man ziemlich ungerührt darauf, daß dieser Text schon in früheren Dokumenten vorkomme und gegen niemanden namentlich gerichtet sei. Carter selbst – und nicht nur Außenminister Vance im Gespräch mit Botschafter Dobrynin – hat den Sowjets seine Absicht mitgeteilt, die Vereinigten Staaten nicht vor den Karren des chinesischen Antisowjetismus spannen zu lassen. Bei der Unterzeichnung einiger zweiseitiger Abkommen im Weißen Haus bedeutete der Präsident der Öffentlichkeit und dem neben ihm sitzenden Deng: „Offenkundig fallen die Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten mit denen Chinas nicht zusammen, auch teilt China nicht unsere Verantwortlichkeiten.“

Carter hat bei dieser Gelegenheit allerdings auch gesagt, daß er mit Deng übereingekommen sei, sich in Dingen gemeinsamer globaler Interessen regelmäßig zu konsultieren. Diplomatische Routine? Oder Beginn der von Carter angekündigten Arbeitsbeziehungen? Oder gar der Keim zu größerer Intimität? Die Chinesen hatten in dem Augenblick Vertrauen gefaßt, als ihnen Carters Sicherheitsberater Brzezinski bei seinem Besuch in Peking vor fast einem Jahr die amerikanische Beurteilung der strategischen Lage und die militärische Stärke der USA vortrug.