Es war die monumentalste Studie, die je zum Thema Reaktorsicherheit angefertigt wurde. In 18 Bänden hatte eine amerikanische Expertenkommission unter Leitung von Norman C. Rasmussen, Professor für Reaktorbau am renommierten Massachusetts Institute of Technology, das Risiko von Kernenergie-Anlagen auszuloten versucht. Der 1975 veröffentlichte Rasmussen-Report (offizieller Name: WASH-1400) markierte eine neue Ära auf dem Gebiet der Abschätzung von technischen Risiken.

Nun, nur dreieinhalb Jahre später, distanziert sich die für amerikanische Reaktorsicherheitsbestimmungen zuständige Nuclear Regulatory Commission (NRC) von wesentlichen Teilen der Studie, die sie einst enthusiastisch begrüßt hatte: Die im Rasmussen-Report genannten Risikowerte sollten nicht länger unkritisch gebraucht werden – weder bei offiziellen Genehmigungsverfahren, noch für die Information der Öffentlichkeit. Denn die NRC betrachtet die Zahlenangaben für das Gesamtrisiko eines Reaktorunfalls nunmehr als unzuverlässig.

Mit Hilfe von statistischen und mathematischen Methoden wie „Fehlerbaum-Analysen“ und „Störfallablauf-Analysen“ hatte die Rasmussen-Kommission die Wahrscheinlichkeit schwerer Reaktor-Unfälle errechnet: Demnach dürfte ein „größter anzunehmender Unfall“ (GAU) durchschnittlich einmal in 17 000 Reaktor-Betriebsjahren auftreten und dabei maximal 3400 Opfer fordern – für den einzelnen Menschen gleichbedeutend mit dem Risiko, durch einen Meteoriten erschlagen zu werden.

So beruhigend die Ergebnisse der gewichtigen Studie für Atomindustrie und Zulassungsbehörden in den USA und im übrigen Westen auch klangen, sie bargen doch die „Saat eines Fiaskos“ in sich, wie die New York Times heute schreibt: Die Autoren des Reports, vor allem Kernkraft-Befürworter, gingen auf berechtigte Einwände von Kritikern nicht ein und verschleierten fragwürdige Schlußfolgerungen mit undurchsichtigen Floskeln.

Nachdem sich die Diskussion um die Studie nicht legen wollte, rief der Innenausschuß des amerikanischen Repräsentantenhauses einen Gutachterausschuß unter Leitung von Dr. Harold Lewis (University of California) ein. Im Januar präsentierte die Lewis-Gruppe ihren Bericht, in dem der Rasmussen-Report zwar als „gewissenhafte und ehrbare“ Arbeit gewürdigt wird, seine Wahrscheinlichkeitsabschätzungen aber allgemein als „gewaltig untertrieben“ eingestuft wurden. Norman C. Rasmussen, von der New York Times befragt, bekannte, daß auch er den Unsicherheitsfaktor in den Risikoberechnungen heute höher einschätzt: „Wir dachten an einen Faktor von plus oder minus fünf, und nun meine ich, er liegt bei mindestens plus oder minus zehn.“ Mit anderen Worten, das schöne Beispiel vom Meteoriten ist unhaltbar geworden.

Die Nuclear Regulatory Commission beeilte sich, den Erktenntnissen der Lewis-Gruppe zuzustimmen. Vor allem distanzierte sie sich Völlig von der Zusammenfassung des Rasmussen-Reports, die als „schlechte Beschreibung“ dessen abqualifiziert wurde, was in dem Report selbst steht.

Weder Lewis-Gruppe noch NRC machen irgendeine Aussage, ob Kernreaktoren nun als mehr oder weniger gefährlich angesehen werden müssen. Doch der offizielle Rückzug gilt allgemein als schwerer Schlag für die Anhänger der Kernenergie. Schon wird die sofortige Stillegung von 16 US-Atommeilern gefordert. Und auch außerhalb der USA dürfte die NRC-Entscheidung Wellen schlagen: In der Bundesrepublik zum Beispiel steht dieses Frühjahr die Präsentation einer „Deutschen Risikostudie“ bevor.

Günter Haaf