Von Fritz J. Raddatz

Ernest Hemingway mopste mit neun Jahren in einem Schwimmbad Armbanduhren, um mit allen vieren an einem Handgelenk protzend herumzulaufen; auch außerhalb der Schule gab er Anlaß zu Klagen: Er zerstörte Zäune, bewarf Erwachsene mit faulem Obst, zertrümmerte mit Steinen Fensterscheiben und prügelte sich auffallend mit anderen Kindern.

Das ist gelogen. Es geht nicht um Hemingway. Es sind vielmehr wörtliche Zitate aus dem kriminalpsychologischen Gutachten des Wissenschaftlers Dr. Hans-Dietrich Stark, der heute Leiter der Justizvollzugsanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel ist; es endet mit der Feststellung: „Sein bisheriges Leben war wenig erfreulich und hat ihn eher zerstört, anstatt ihm Lebenshilfen zu geben. Seine Prognose wird günstiger sein, wenn er die Zeit der weiteren Strafverbüßung überblicken kann und wenn von einer Sicherungsverwahrung abgesehen wird. Je länger seine Inhaftierung dauert, um so ungünstiger wird seine Prognose.“

Wessen Leben? Es geht um Michael Holzner, heute Redaktions-Assistent im Hoffmann und Camoe Verlag, der soeben auch seinen Roman „Treibjagd“ verlegte – eine Biographie romancee, Fazit eines zerstörten Lebens. Wenn’s gutgeht, waren es immer die ungewöhnlich frühen Kraftakte einer genialisch starken Persönlichkeit; geht’s schief, bleibt’s ein kleiner Krimineller. Wenn’s gutgeht, lächelt man mit Lust an der List über des Schülers Brecht Trick, durch falsch angestrichene „Fehler“ in der Schularbeit den Lehrer hinters Licht zu führen; geht’s schief, bleibt’s ein kleiner Hochstapler. Die Grenze ist dünn, das Sieb haarfein. Michael Holzner ist – vorläufig? – durch das Sieb gefallen.

Die Akte ist dick wie ein Roman. Sie ist ein Roman: Vater vor seiner Geburt 1943 gefallen; Mutter nach Geburt des zweiten unehelichen Sohnes zwar neu verheiratet, aber berufstätig ein Leben lang; Stiefvater wegen unsittlicher Berührung Minderjähriger hinter Gittern; Kindheit bei Großeltern, Stiefgroßeltern, vom zehnten Lebensjahr an in Heimen und in Fürsorgeerziehung; mit dreizehn die ersten Angeber-Klauereien (Photoapparat, 50 Mark, Handtasche), um älteren Kameraden zu imponieren; das „Heim“ wurde nun die Aufnahmeabteilung des niedersächsischen Landjugendheims Göttingen, bald der „Fuchsbau“ für schwere Fälle. Mit fünfzehn „Wohnung“ bei einer Prostituierten – von jetzt ab gerät einer in das Zahnradsystem der Wolfsgesellschaft, der nie Bestätigung, Anerkennung, gar Liebe erfuhr. Es schlägt einer um sich, der’s besser kann und weiß, der aber nicht weiß, wie und wohin damit. Was nun kommt, ist nicht mehr Leben, sondern gelebt werden – der pure Irrsinn.’ Die Stationen des Michael Holzner in ihrem immer rapider werdenden Zickzack zwischen Einbruch, und Ausbruch gleichen den Mühlradarmen eines – dadurch – im Schlamm immer tiefer Versinkenden; der Lebenslauf ist fast nur noch tabellarisch zu erfassen: Diebstahl und Haft, Fluchtversuch und Entlassung, Lehre, Ehe und Scheidung, Einbrüche, U-Haft, Ausbruch, Zuchthaus und Entlassung auf Bewährung, Kellner, Tischler, Kraftfahrer, zweite Ehe, Raubüberfälle, Festnahme, Haft, zwei Selbstmordversuche, zwei Ausbruchsversuche. Ein Artikel ist zu kurz – ein Leben offenbar nicht –, dieses „Mein Leben, ein Krimi“ in allen Stationen zu referieren. Die letzte Freiheitsstrafe, 1970 verhängt, verbüßte Michael Holzner bis zur vorzeitigen Haftentlassung 1976. Soweit, so ungut.

Was nun folgt, ist eine Farce. Gegen den selbst in seiner Kriminalität nicht sparsamen Holzner läuft ein weiteres Strafverfahren, juristisch völlig einwandfrei, basierend auf einem Urteil der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Verden vom 10. März 1978. Niemand – weder sein Anwalt Heinrich Hannover noch Michael Holzner selber, noch alle, die sich für ihn verwendeten – leugnet, daß dieses Urteil wegen räuberischer Erpressung (acht Jahre Haft) juristisch einwandfrei ist. Nur: Es bezieht sich auf Straftaten, die im Sommer 1970 begangen wurden. Die Mühlen der Justiz mahlen langsam – acht Jahre nach der Straftat erfolgt die Aburteilung. Und Jahre nach der vollständigen „Resozialisierung“ eines Menschen, der aus nichts als aus eigener Kraft ganz offensichtlich den Sprung aus seinem Teufelskreis geschafft hat. „Strafe ist auch Sühne“ – so oder ähnlich hat den Sühnezweck das Bundesverfassungsgericht für verfassungsmäßig erklärt. Mag sein. Ich bin kein Jurist, und lieber lerne ich den „Zauberberg“ im Stehen auswendig, als mich noch einmal durch diese Leitzordner von Eingaben, Aktennotizen und Gesprächsprotokollen zu fretten und mich von jenem Hochstil des Beamtendeutsch vergiften zu lassen, in dem es etwa heißt: „Dort entschloß sich der Holzner, seinen Lebensunterhalt durch Einbrüche zu verdienen“; oder: „Während seiner Haftzeit beging der Angeklagte Holzner einen Suizidversuch.“ Punkt.

Ich möchte, daß man hier keinen Punkt macht. Ich möchte – Pardon für das altmodische Wort – an die Möglichkeit zur Gnade appellieren. Ich möchte, daß sich viele dem Gnadengesuch des Schriftstellers Siegfried Lenz anschließen, das er in einem persönlichen Brief an den niedersächsischen Landtagspräsidenten richtete und das der deutsche PEN-Club unterstützt. Ich möchte, daß Recht sprechen auch manchmal heißen darf, Hilfe zu geben. Muß denn Barmherzigkeit immer für die Bahnhofsmission reserviert bleiben, muß man für einen Gnadenakt Patty Hearst heißen? Es sitzt sich so fein bequem auf Richterstühlen oder in Ministersesseln (oder hinter Redakteursschreibtischen): Wir sind ja sauber. Unsere Mütter hatten keine unehelichen Kinder, unsere Väter kamen zurück, unsere Stiefväter fummelten nicht – Glück gehabt. Wir haben studiert, Karrieren gemacht und sind sehr achtbar. Äpfel haben wir zwar auch geklaut und im Schwimmbad .Eis, und Steine in Straßenlaternen geschmissen; doch dann ging’s besser weiter. Man kann ja auch aus Zufall ehrlich bleiben; und man kann auch, ganz ehrbar, ganz korrekt, andere Menschen zerstören: „Wer einen Menschen die eben verbüßte Strafe noch einmal verbüßen läßt, der demütigt ihn. Mit welchem Recht stößt er ihn ab? Wenn es sich nicht um ganz schwere Fälle handelt, was immerhin nachzuprüfen ist, so spricht nichts, aber auch gar nichts dafür, daß der Zuchthäusler auch nur im kleinen Fingernagel schlimmer sei als irgendein. Proletarier, der säuft, arbeitsscheu ist und nur eben bisher von der letzten Konsequenz, ein Verbrechen zu begehen, aus irgendwelchen Gründen zurückgescheut ist. Der Zuchthäusler ist gedemütigt, in seinem Stolz tausendmal zerschlagen, durch die fürchterliche Sexualnot langer Jahre zermürbt, sie haben ihm zehnmal am Tage das Rückgrat gebrochen. Die oft geübte Praxis, entlassene Strafgefangene überhaupt nicht oder als zweitklassige Menschen zu beschäftigen, ist grausam, unsozial und falsch. ‚Also sollen die ehemaligen Zuchthäusler genauso behandelt werden wie alle andern Arbeiter und Angestellten auch – ja, wozu führt man sich denn dann sein ganzes Leben lang gut...?‘ Nicht, um eine Schicht Menschen als Gehsteig unter sich zu haben.“ Das schrieb, 1928, der Dr. jur. Kurt Tucholsky, der es wissen mußte.

Herren Richter, Staatsanwälte, Landtagsabgeordnete, Staatssekretäre, Minister: Habt doch mal Erbarmen. Nicht zweierlei Recht wird ge– fordert für solche, die „nur“ einbrechen, und solche, die dann Bücher darüber schreiben. Michael Holzners Buch ist gut, kühl, ohne Selbstmitleid oder Schonung für sich – ein Dokument, das bleibt; es buchstabiert eine große Flucht, weg von sich und hinein in den großen Irrtum der asozialen „Freiheit“, die im Knast endet; schön wäre es, der Schriftsteller Michael Hölzner bliebe auch. Eine neue Haftstrafe macht ihn kaputt – macht die eigene Leistung des neuen Lebens kaputt. Wir haben in Deutschland keinen Sartre, der an den Staatspräsidenten appellieren kann und Holzner ist kein Genet. Michael Holzner ist „nur“ ein einzelner, nur einer, der nach allem – 1978 – sein Abitur gemacht hat, seinen gut bezahlten Job aufgibt, um Sozialarbeiter zu werden (wer wäre geeigneter?), nur ein Mensch. Nur?