Erste Vorbemerkung: Dieser Kommentar wird geschrieben am Montag, letzte Korrektur ist am Dienstagmorgen. Sehr groß ist meine Zuversicht, daß er noch halbwegs stimmt, wenn er erscheint, nicht. Zu viel ist in dieser (mit dem Titel „Hamburger Theaterkrise“ nur unzureichend charakterisierten) Posse städtischer Kulturpolitik passiert, als daß man irgendeinem Verantwortlichen noch Seriosität, irgendeiner Nachricht noch Haltbarkeit zutrauen würde. Zu tief sind die Verletzungen, die eine ignorante, intrigante Hamburger Sozialdemokratie dem ihr anvertrauten Theater zugefügt hat, als daß man jetzt frohgemut ein „Ende der Krise“ beklatschen könnte. Zumal dies Ende ein Ende gar nicht ist: Der Hauptdarsteller, über dessen Auftritten der Vorhang längst gefallen sein müßte, bleibt (vorerst) auf der Bühne.

Zweite Vorbemerkung: Es häufen sich (ernste oder spöttische) Nachfragen aus unserer Leserschaft, ob wir im ZEIT-Feuilleton dies lächerliche Hamburger Drama nicht lächerlich ernst nähmen: in einer Provinzaffäre selber provinziell geworden. Und ob wir denn nicht Lust hätten, allmählich wieder mehr über das Theater außerhalb Hamburgs zu berichten. Wir hätten schon – wäre dieser Hamburger Trauerfall nicht einer, der die ganze Republik beträfe: weil er das ohnehin gestörte Verhältnis zwischen Theaterpolitik und Theater dem Nullpunkt ein gutes Stück nähergebracht hat. Noch nie seit Kriegsende war ein städtischer Kulturpolitiker so hoch- und so fehlbesetzt wie Wolfgang Tarnowski in Hamburg. Und noch keiner (nicht einmal Filbinger) hat sich so lange an ein politisches Amt geklammert, für das er längst unmöglich geworden ist. Daß eine politische Partei, dubioser Macht- und Proporzverhältnisse wegen, nicht mehr in der Lage ist, eine Fehlentscheidung (Tarnowskis Berufung zum Senator) zu korrigieren, obwohl jeder weiß, daß es eine Fehlentscheidung war, muß den Glauben an die Vernunftfähigkeit demokratischer Parteien lädieren – vom Glauben an ihre Moral gar nicht zu reden.

Zur Sache: Es könnte sein, daß der Regisseur Niels-Peter Rudolph, 38 Jahre alt, 1980 Intendant am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg wird. Ihn jedenfalls hat des Senators kuriose Findungskommission (über zwanzig Mitglieder, auch sie eine monströse Ausgeburt der Proporz-Demokratie) nach langem Suchen gefunden. Richtiger müßte es heißen: Sie hat ihn nicht gefunden, er ist ihr übriggeblieben. Nachdem ein Alleingang des Senators (Kurt Hübner nach Hamburg zu holen) wie so viele Alleingänge zuvor im Abseits gelandet war, nachdem Dieter Dorn und Ivan Nagel endgültig abgesagt hatten (Nagel mit dem so schroffen wie wahren Satz, er könne nicht mit einem Senator zusammenarbeiten, dem es an „Sachverstand und Anstand gleichermaßen“ fehle), gab es nur noch einen Kandidaten, Niels-Peter Rudolph – und der Senator griff nach ihm wie nach dem Rettungsring.

In dieser Woche sollen Senat und Aufsichtsrat des Theaters das glückliche Ende besiegeln. Vielleicht wissen sie bis dahin auch, wen sie da wählten: einen der besten deutschen Regisseure, bestimmt aber auch einen der schwierigsten. Was in Hamburg lange drohte, eine Flucht aus der chaotischen Situation ins komfortable Mittelmaß, wäre mit Rudolphs Berufung jedenfalls abgewendet. Seine Wahl mag eine blinde gewesen sein – eine schlechte ist sie nicht. Tarnowski kann sich freuen, darf sich feiern; schließlich hat er es von Anfang an so gewollt. So hat denn Rudolph mit seinem tollkühnen Entschluß, nach Hamburg zu kommen, den Senator gerettet, das ist wohl wahr. Doch froh werden sie nicht miteinander werden, der Gerettete und sein Retter. Denn wenn man des Senators schon in den ewigen Anekdotenschatz eingegangene Zweiteilung des Theaters in eines der „großen Texte“ und ein anderes der „leisen Töne“ zu Hilfe nimmt, dann ist Rudolph eher ein Protagonist der zweiten Richtung – für die von Tarnowski ursprünglich am Schauspielhaus vorgesehenen großen Texte und großen Töne wird er bestimmt nicht sorgen. Ernsthaft: Zwischen Tarnowskis Ideologie von einem glanzvoll-repräsentativen Sprech- und Staatstheater und Rudolphs Theaterpraxis liegt mehr als nur ein Abgrund, zwischen Tarnowskis Traum-Kandidaten Gobert und seinem Ist-Kandidaten Rudolph gibt es keinerlei auch nur flüchtige Ähnlichkeiten.

Kurios: Tarnowski hat bei seinem mit allem Fanatismus verfolgten Vorhaben, Ivan Nagel aus dem Schauspielhaus zu entfernen, nun ausgerechnet einen Nagel-Nachfolger präsentiert, der mehr als alle anderen Kandidaten und Beinahe-Kandidaten (mehr als Zadek und Peymann, Dorn und Hübner, Benning und Besson) Nagels Stärken und Skrupel teilt: seine Intellektualität wie seine Schwierigkeiten mit jenem Publikum, das man das „breite“ nennt. Ein gutgefülltes, gutgestimmtes Parkett: abgründigere Theaterträume hat unser Senator wohl nicht. Hätte er miterlebt, wie ein dem Hamburger durchaus vergleichbares Publikum, das des Berliner Schiller-Theaters, Rudolphs letzte Arbeiten aufnahm, nämlich überaus schlechtgestimmt, müßte er, der Verfechter eines luxuriösen Abonnenten-Theaters, sich fragen, ob er da nicht einen veritablen Abonnenten-Schreck ins Hamburger Haus geholt hat.

Anders als Zadek, der den einen Teil des Publikums für sich begeistert, den anderen gegen sich aufbringt, der aus dem Schauspielhaus eine Stätte extremer Auseinandersetzungen gemacht hätte (und schon deshalb für das Riesenhaus an der Kirchenallee der richtigste Intendant gewesen wäre), ist Rudolph ein Regisseur für Spezialisten. Die Kritiker, die er einmal erzürnt „Bundesliga-Spielwarte“ genannt hat, haben seinen Ruhm gemacht; das Publikum hat sogar einige seiner spannendsten Inszenierungen mehr oder weniger kühl abgelehnt.

Ein großer Entertainer und Provokateur (wie Zadek) ist dieser Regisseur nicht, kein großer Ästhet wie Stein oder Noelte, kein Visionär des Theaters wie Klaus-Michael Grüber. Es umgibt ihn nicht die Aura des großen Magiers, die Faszination (und der Terror) der Regiedespoten sind ihm fremd. Er ist ein regieführender Intellektueller. Das klingt ein bißchen trocken – und ein bißchen trocken, puritanisch, sind viele von Rudolphs früheren Inszenierungen auch gewesen. Doch seine Karriere (in der es keine Skandale gab und keine Sensationserfolge, die mit Arbeiten in Bochum, München, Hamburg, Basel, Berlin und Stuttgart einen eher undramatischen Verlauf nahm) ist so etwas wie das Gegenstück, der Gegenbeweis zu allen Genie-Biographien: Da hat einer langsam, Jahr für Jahr, Inszenierung um Inszenierung, seine Mittel erweitert, befragt, verworfen, vertieft. Und eben nicht nur seine Mittel: Da wurde jede Inszenierung zu einem neuen Ausflug in die Realität, einer Expedition mit unbekanntem Ergebnis, ungewissem Erfolg. Viele Theaterleute behaupten, daß sie die Wirklichkeit mehr interessiere als das Theater; Rudolph ist fast der einzige, dem ich das glaube.