Viele Indizien belasten inzwischen einen der mutmaßlichen Entführer

Von Rolf Henkel

München

Demnächst“, frozzeln die Nachbarn, „kommen die Busse. Dann werden Würstchenbuden aufgestellt, einer verkauft Faßbier, ein anderer Ansichtskarten mit Sondermarken. Unsere Vorgärten werden noch goldwert.“ Die Leute, Bewohner von Reihenhäusern im Münchner Westen, erwarten in ihrer cityfernen Straße nicht etwa den Besuch von Schwedenkönigin Sylvia. Seit Dienstag morgen letzter Woche wird ihnen ungewollte Aufmerksamkeit zuteil, als kurz nach acht Uhr früh ein Konvoi Polizeiautos vor dem Haus Blumenauer Straße 65 stoppte. Beamte umstellten den Block, läuteten an der Tür, die sich öffnete und aus der der Hausherr unwirsch hervorfragte: „Was denn, schon wieder Oetker?“

Es war wieder Oetker, und dieses Mal mußte Dieter Zlof, 37 Jahre alt, mitkommen. Wenige Stunden zuvor hatte ein Richter den Haftbefehl gegen den gebürtigen Jugoslawen unterschrieben. Im Gegensatz zu mehreren Verhören in den vergangenen Monaten wird Zlof dieses Mal ziemlich handfest beschuldigt, Mitte Dezember 1976 an der Entführung des damals 25jährigen Industriellensohns Richard Oetker beteiligt gewesen zu sein.

Am nächsten Tag begann schon der Rummel in der sonst ruhigen Straße. Heerscharen von Journalisten belagern seitdem das Haus, dazwischen Zivilwagen der Polizei. Privatautos rollen vorbei, aus denen neugierige Mitbürger so eindeutig herausstarren, daß man durch die geschlossenen Scheiben förmlich den entzückten Ruf vernimmt: „Halt an, das ist das Haus des Oetker-Entführers.“ Und wenn Zlofs Frau etwa die Tür öffnet und ihre beiden Söhne zum Kindergarten bringt, dann kann sie sicher sein, keinen Schritt unbeobachtet zu tun. Als sie am zweiten Tag der Belagerung die Nerven verlor, in das Auto eines Unbekannten sprang und mit ihm davonbrauste, da raste ihr eine Wagenkolonne nach, die jäh bremsen mußte, weil der Wagen mit der gehetzten Frau gegen eine Straßenbahn prallte.

Kein Mensch mag da die Grenze ziehen zwischen Menschenjagd und öffentlichem Interesse, das dieser Tage ohnehin häufig herhalten muß, um den Kauf fragwürdiger Informationen zu entschuldigen. Da steigerten sich Illustriertenreporter zu schwindelerregenden Summen hoch, um Photos von einem inzwischen verendeten Schäferhund oder von einer auf Weisung des Bauamtes eingerissenen Wellblechhütte aus Familienalben loszueisen. Den Hund hatte Oetker während seiner Gefangenschaft in der Hütte möglicherweise bellen gehört.