Von Dieter E. Zimmer

Er war Martin Walsers grellster Roman: „Der Sturz“, 1973 erschienen, drittes und letztes Buch über Anselm, mit Zunamen Kristlein, den er nach einem gewundenen Weg durch die Grenzgebiete von Kommerz und Kunst hier nun endgültig fallen ließ, am Ende ganz buchstäblich, indem er ihn (in Anselms vorwegnehmender Vorstellung) im Schneesturm mit seiner Frau Alissa in ihrem alten Mercedes von der gesperrten Splügen-Paßstraße stürzte. Ein Buch voller zu Boden Gegangener, Versager, Gescheiterter, Besiegter, Mörder, Gemordeter und vor allem Selbstmörder, und voller beiläufiger Katastrophen, geschrieben wohl in einem Zustand, den Walser Anselm Kristlein selber einmal so formulieren ließ: „... mir wird schwindlig“ vor Nervenwut, ich hab das Gefühl, ich flimmere...“

Alf Brustellins Film nach diesem Roman jetzt ist, obwohl er eine Komödie sein will, ebenfalls grell, die Alarmsirenen der verschiedenen Einsatzwagen werden zunehmend sein Leitmotiv, und überhaupt ist er dem zentralen Punkt von Walsers Roman sehr nahe, obwohl er sich der Vorlage gegenüber erhebliche Freiheiten nimmt, ja gerade, weil er sie sich zu nehmen traut. Jedermanns Sache ist er darum bestimmt nicht. Wer, enthoben und unangefochten, nie das Gefühl hatte, als Wahnsinniger unter Wahnsinnigen zu leben und wahnsinnige Dinge zu tun, muß den Film wie den Roman für wahnsinnig halten. Nun kann diesem Gefühl auch so etwas wie Verwunderung darüber entspringen, daß „in Wirklichkeit“ doch alles relativ glimpflich und sturzlos funktioniere. Davon wissen Film und Roman nichts: Sie wühlen sich hinein ins Scheitern. Sie sind „unfair“: Die kontrastierende Dimension der „Normalität“ fehlt ihnen. Ein Bild der Wirklichkeit liefern sie nicht; sie geben eine vergrößerte Aufnahme von einem vielfachen Sturz aus der Wirklichkeit.

Anselm Kristlein, im Buch fünfzig, im Film (gespielt von Franz Buchrieser) vierzig Jahre alt, war hinausgezogen ins feindliche Leben, hatte gewirkt undgestrebt und gewettet und gewagt, aber nichts war segensreich geströmt: Die gesamte Erbschaft seiner Frau, 72 000 Mark, hat er in der Flipperbranche verloren. Ruiniert kehrt er zu Fuß an den Bodensee zurück, wo er mit seiner Frau immerhin noch das Betriebserholungsheim des Schokoladenkonzerns Blomich leitet. Sie hat gerade beschlossen, es in eigener Regie zu betreiben, da verkauft Blomich seine Firma an einen amerikanischen Konzern. Keine „Schübe“ von zur Zwangserholung Verurteilten werden sich mehr einfinden, eine drakonische Hausordnung auf sie anzuwenden. Die Kristleins samt ihren vier verschlossenen Kindern und dem einen Hund sind pleite und auch noch entlassen. Film und Roman beschreiben diesen Zersetzungsvorgang.

Im Roman erscheinen Personen, Situationen, Episoden manchmal überdeutlich, meistens huschen sie wie in einem Fiebertraum vorbei. Der Film verleiht ihnen viel mehr an Körperlichkeit und Konsistenz; trotzdem geht auch er noch stellenweise an die Schwelle der Verständlichkeit. Er stellt ganze Handlungssequenzen um, verschmilzt Romanfiguren miteinander, läßt viele weg, läßt überhaupt vieles weg: Anselm Kristleins diverse Amouren, die verspielt-verbissen anarchistischen Debatten in seinem Haus, sogar seine Tätigkeit als Garant der Hausordnung.

Um so klarer und krasser führt er dafür die eine andere Dimension vor: Wie hier einer Unglück hatte, weil er offenbar (um mit Stellenanzeigen zu reden) nicht leistungsbereit und durchsetzungsfähig und dynamisch genug war, nicht gerissen und hart genug, und wie sein Unglück sofort andere Gescheiterte anzieht, die diese seine Schwäche ausspähen und ausnutzen – alle „so arm dran, daß (er) ihnen nichts tun darf“: ein stellungsloser versoffener impotenter ehemaliger Werbetexter (Wolfgang Kieling), der vom Projektemachen lebt, ein Klinkenputzer (Klaus Pohl), dessen prekäre Existenzbasis die redselige Zurschaustellung seiner Gebrechen bildet, eine Blomichsche Exfrau, gepeinigt von der Angst um ihre enorme Apanage, ein entlassener übergeschnappter Gärtner, der sich zwischen den Rosenrabatten des Blomichschen Anwesens selber eine Grube gräbt.

Sie alle und noch viele mehr, angefangen mit dem Münchner Pennbruder, der in einem Müllcontainer übernachtet und am nächsten Morgen im Bauch des Müllautos zerkleinert wird, verschwinden – ins Irrenhaus, in den Knast oder meist in den sogenannten Freitod, spektakulär oder ganz nebenbei, Blomich selber eingeschlossen, der beim ABC-Alarmspiel in seinem Atombunker grausig erstickt.