Warum eine Kleinstadt ihre Neonazis toleriert

Von Nikolaus Brender

Höxter

Rechtsextremistische Wehrsportgruppe aufgeflogen“ – die Lokalzeitung Neue Westfälische hatte ihre Schlagzeile, und es klang so, als sei mit der „Kampfgruppe Ost-Westfalen“ eine perfekt getarnte Untergrundbewegung ausgehoben worden. Für die Offiziellen der Landkreise Höxter und Holzminden mag es auch so gewesen sein. Denn sie alle waren ahnungslos: die Polizei, die Stadtverwaltungen, die Kirchen und die Parteien. „Völlig überraschend“, bekräftigte Oberkreisdirektor Seilmann, „denn sonst hätten wir doch längst zugegriffen.“

Am 29. Januar in aller Hergottsfrühe lief in den Weserdörfern Stahle und Albaxen eine Polizeiaktion. Man wollte einer Diebesbande auf die Schliche kommen. Sieben Polizeitrupps durchkämmten Wohnungen, Scheunen und Erdverließe. Doch sie stöberten keine Diebe auf, sondern kiloweise NS-Propagandamaterial, Gasmasken und Kampfanzüge aus Beständen der deutschen Wehrmacht, fünf Maschinenpistolen, fünf Karabiner, sechshundert Schuß scharfe Munition, sieben Kilo Sprengstoff. Polizei und Staatsanwaltschaft wurde jetzt erst klar, daß sie auf eine „rechtsradikale, rechtsextremistische, vermutlich sogar neonazistische Wehrsportgruppe gestoßen“ waren. Der Chef der Gruppe, ein 26 Jahre alter Handwerker, sitzt seither in Untersuchungshaft, gegen weitere zwölf Verdächtige laufen Ermittlungen.

Was bei den Behörden wie ein Blitz aus heiterem Himmel einschlug, war allerdings den meisten der 1800 Einwohner von Stahle längst bekannt. „Diesen Verein gibt’s doch schon seit Jahren, warum denn plötzlich jetzt das ganze Theater?“ fragt ein Alteingesessener verständnislos. Von Diebstählen und Einbrüchen habe er zwar nichts gehört, aber „daß der kleine Adolf und seine Jungs sich jeden Mittwoch da oben treffen, daß weiß doch jedes Kind im Dorf“.

Ganz fanatisch

Da oben, das ist der Köterberg, wo zwischen den Wäldern der ehemaligen Reichsabtei Corvey und dem Staatswald die kleinen Leute auf ihren wenigen Hektar Land ihre Bäumchen pflanzen. In eine dieser Fichtenschonungen hatte die Wehrsportgruppe ihren Gefechtsstand eingemauert – auf vier mal zweieinhalb Meter, dazu Feldbetten, Feuerstelle und Stacheldraht, die Holzpfähle mit Drahtverhaukronen bespickt. Das Übungsgelände gleicht allerdings mehr einem gut befestigten Kleingarten als einem paramilitärischen Unterstand. Hier paukten die „Wehrsportler“ Disziplin, grölten den Badenweiler-Marsch, soffen und übten sich im Schießen. Geheim konnten ihre Treffen nicht bleiben und sollten es wohl auch nicht. Denn um auf ihren privaten Kriegsschauplatz zu gelangen, mußten sie durchs Dorf ziehen, direkt am Forstamt vorbei. Und in der Kneipe wurde natürlich auch übers Dritte Reich diskutiert. „Da waren die ganz fanatisch, da konnte man mit denen nicht mehr reden“, sagt ein 19jähriger Wehrdienstleistender. „Und Waffen, die habe ich mir bei denen auch schon angesehen.“

Für die Polizei ist es ein Rätsel, „daß all dieses Treiben in unmittelbarer Nähe von zwei jeweils nur einige hundert Einwohner zählenden Dörfern, in denen jeder jeden kennt, völlig unbemerkt geblieben sein kann“. Die SPD-Kreistagsfraktion stellt die Frage: „Waren wir alle zu sorglos, haben wir die Aktivitäten dieser Gruppen unterschätzt?“ Doch je unmittelbarer der Kontakt mit den Leuten der „Wehrsports gruppe“ ist, desto milder werden die Beurteilungen. So mißbilligt der Ortsvorsteher von Stahle zwar die möglicherweise begangenen Straftaten, „aber sonst“, meint er, „darf man die nicht ganz ernst nehmen“. Der Rektor der Hauptschule in Stahle, die einige der Rechtsextremisten besucht hatten, findet, daß das Ganze zu sehr aufgebauscht werde. Für ihn ist der Anführer ein Sonderling, ein reiner Abenteurer, ein Pfadfinder. Auf der Dorfstraße winkt einer, der den Ersten Weltkrieg schon mitgemacht hat, verächtlich ab: „Da wird aus einer Mücke ein Elefant gemacht. Nein, mit denen können wir keinen Krieg gewinnen.“ Ein anderer, auf die Waffenfunde und Hakenkreuzfahnen angesprochen, sagt: „Fahnen! Mein Vater hat auch in der Weimarer Republik noch die schwarz-weiß-rote Fahne gehißt.“

Man hört weg

Die Existenz der „Wehrsportgruppe“ im Weserbergland läßt sich nicht etwa mit der desolaten Situation ihrer Mitglieder erklären, mit Arbeitslosigkeit oder Isolation. Alle haben einen Beruf oder eine Lehrstelle. Sie sind zwischen 18 und 30 Jahre alt. Einer geht noch zur Schule. Und auch abgekapselt sind sie nicht. Die Gleichaltrigen aus dem Ort halten die „Wehrsportgruppe“ denn auch nicht für Neonazis, auch wenn diese sich mit SS-Koppeln gürten, den NS-Kampfruf und den Deutschen Beobachter lesen, oder Flugblätter bei ihnen beschlagnahmt wurden, in denen der „Tag der Rache“ angekündigt, der „Wert der arischen Rasse“ verherrlicht und das „internationale Judentum“ verteufelt wird.

Wenn in der Kneipe solche Töne angeschlagen werden, wird eben darüber gelacht, vielleicht einmal zaghaft protestiert, meist aber weggehört. Wichtiger ist die gemeinsame Mitgliedschaft im Spielmannszug oder im Sportverein.

Daß eine Bestrafung die Wehrsportler läutert, glauben die Jugendlichen in der Altdeutschen Bierstube an diesem Abend nicht. „Wenn der Rädelsführer wieder aus dem Gefängnis kommt, dann gibt das ein dreitägiges Fest in Stahle.“