Von Hanno Kühnert

Letzte Warnung!" steht in dem maschinegeschriebenen Brief an die Bundesbahndirektion Karlsruhe, Poststempel Mannheim, Datum vom 7. November 1977. "Selbst der Dümmste müßte jetzt gemerkt haben, daß es ernst ist. Es ist völlig sinnlos, nach einem Auto zu suchen, denn Monsieur X fährt mit dem sichersten Verkehrsmittel der Gegenwart – der Eisenbahn. Denn wenn er drin sitzt, entgleist der Zug bestimmt nicht." Die Forderung des Erpressers: "Die Viertelmillion wird gegenüber den sonst zu befürchtenden Schäden eine Bagatelle sein ... mehr als 250 000 Mark will ich sowieso nicht, denn Geld verdirbt nur den Charakter."

Das sind Worte eigenartigen Humors in dem neunten von insgesamt elf Erpresserbriefen, die ein Mann mit dem selbstgewählten Namen "Monsieur X" an die Bundesbahn schickte. Niemand vermochte zu diesem Zeitpunkt über das Schreiben zu lachen, denn der Absender hatte bereits gezeigt, daß er es ernst meinte: Zwölf Anschläge auf Anlagen der Bundesbahn hielten das Rheintal von Bruchsal bis Freiburg in Atem. Zwei Züge waren bereits entgleist, im August 1976 ein Güterzug. Schaden eine Million Mark, und kurz vor-Eintreffen des Briefes der Italia-Expreß auf der Hohe von Riegel am Kaiserstuhl. Dieser Fernschnellzug Kopenhagen–Rom war mit Tempo 140 aus einem von Monsieur X weggebogenen Gleis gesprungen; der Erpresser soll zuvor in stundenlanger Arbeit 138 Schrauben herausgedreht haben. 23 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Daß niemand starb, ist nicht nur der Tatsache zu danken, daß der Attentäter lediglich die Innenschiene der Kurve gelöst hatte, sondern auch der Verspätung des Zuges. Wäre er pünktlich gewesen, dann wäre ein Gegenzug in die Trümmer des Italia-Expreß gefahren. Eine Katastrophe mit vielen Todesopfern hätte sich dann kaum vermeiden lassen.

Zweieinhalb Jahre lang fürchteten sich Zugbenutzer und Bundesbahn vor Erpressungsanschlägen. Auf der wichtigen Bahnstrecke im Rheintal fahren täglich mehr als sechzig Fernzüge, dazu viele Nahverkehrs- und Güterzüge. Starke Polizeikräfte suchten nicht nur Monsieur X, sondern bewachten auch die Bahnanlagen. Heimtückische Sabotageakte des Nachts, Durchschneiden von Oberleitungsdrähten, Aufhängen von U-förmigen Bügeln in den Leitungen, Herausdrehen der Schwellenschrauben, die die Schienen festhalten – insgesamt 13 solcher Anschläge wurden gezählt, und fast immer hinterließ der Täter seine "herzlichen Grüße von Monsieur X".

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