Ich sehe Männer vor mir, die ohne Rücksicht auf meine Jugend eine Klasse junger Menschen strafen und entmutigen wollen, die niedrig geboren und durch Armut unterdrückt sind, aber das Glück haben, gute Bildung zu besitzen und die Kühnheit, sich in Dinge zu mischen, die der Stolz der Reichen die Gesellschaft nennt. Sie sehen in mir einen Bauern, der sich gegen sein Schicksal aufgelehnt hat."

Das läßt vor 150 Jahren der Autor seinen jungen Helden Julian Sorel sagen in dessen Rede vor dem Gericht, das ihn zum Tod durch Köpfen verurteilt. Julian hat, ohne sie zu töten, aber in zugegeben klarer Tötungsabsicht, auf eine Frau von Rênal geschossen, die seine Geliebte wurde, als er Hauslehrer ihrer Kinder war. Er wollte sie töten, weil sie ihn verraten hat: in dem Augenblick, in dem er, verprügelter Sohn eines Armen, endlich erreicht hätte, was er mit obsessiver Leidenschaft begehrt hatte, nämlich als Sekretär eines hohen Politikers, als Oberleutnant und geadelt, überdies künftiger Ehemann der Tochter eines Politikers, zur Gesellschaft zu gehören, schreibt diese Frau von Rênal einen Brief an den Politiker, in dem sie Julian denunziert, sie verführt zu haben, um auf diesem Weg zu Geld und Ansehen zu kommen (was haarscharf an der Wahrheit vorbeigeht) und überdies "ein Mann ohne religiöse Grundsätze" zu sein (was wahr ist). Dieser Brief beendet seine Karriere und in der Folge sein Leben. Wie kam Frau von Rênal, diese grundanständige Frau, die ihn wirklich liebt, dazu, diesen Brief zu schreiben? Sie handelt unter dem Diktat ihres Beichtvaters; der sich ihre Gewissensnot zunutze macht. Wieso aber hat er so große Macht?

Der Roman, der nicht nur ein großer Liebesroman ist (minuziös das Entstehen einer Liebe als einen Kristallisationsprozeß aufzeigend) und nicht nur ein genialer psychologischer Entwicklungsroman, ist vor allem ein bitterböser politisch-gesellschaftskritischer. Nach Napoleons Sturz gab es in Frankreich zwei Parteien: die konservativ-royalistische "Schwarze", und, in der Opposition, die demokratisch-liberale "jakobinisehe", die "Rote". Der Klerus war verbündet mit dem reaktionären Adel. Ein Teil aber, die "Jansenisten", die progressiven Theologen, zu "Rot" gehörend, standen ebenso unter dem Verdacht der Staatsfeindlichkeit wie heute bei uns die Linksintellektuellen. Julian hatte das Unglück, von einem Jansenisten zum Denken erzogen worden zu sein. Und er denkt! Er sieht sich aber einer reaktionären Festung gegenüber, die ein Julian Sorel von heute kapitalistisch verfilzte Leistungsgesellschaft nennen würde. Was tut ein junger Mann, ein "plebejischer Revolutionär", arm und ohnmächtig, mit einer stolzen Seele geboren und so glühend ehrgeizig, daß "selbst die (erwiderte, gewährte) Liebe ihm nur befriedigter Ehrgeiz" ist, wenn er keine revolutionäre Gruppe findet, aber Karriere machen will? Er muß heucheln. Er hat es gelernt im Priesterseminar (das er nolens volens verläßt), er lernt es allerorten, vom Klerus und von Laien. Julian verabscheut sie, und er ahmt sie nach. Tatsächlich ist er Revolutionär und perfekter Atheist. Als Gesellschaftskritiker ist er ein Glacehandschuh-Verschwörer, der sich keine Schramme zuziehen will. Beispiel: Julian ist beim Direktor eines Gefängnisses zum Essen eingeladen. Nebenan singen die miserabel gehaltenen Gefangenen. Der Direktor verbietet ihnen das Singen. Julian, der Atheist, schreit stumm auf: "Und das läßt du zu, Gott?!" Eine Träne rinnt über sein Gesicht und fällt in das Glas teuren Weines. Eine Konsequenz zieht er nicht, aber das Schicksal tut’s für ihn: Er landet selbst im Gefängnis. Der "Justizstrafvollzug" hat sich nicht geändert. Auch heute wird Gefangenen das "Singen", das Dichten, vielerorts verboten ...

Um Julian zu verstehen, muß man das Schlüsselwort Ehrgeiz verbinden mit dem Wort Pflicht. Er fühlt die Pflicht, aus "niederm" Stand aufzusteigen. Er fühlt die Pflicht, die reiche Frau des adeligen Bürgermeisters zu erobern und später die reiche Tochter eines mächtigen aristokratischen Politikers. Er fühlt die (lustlose) Pflicht, sich bei beiden im Bett potent zu erweisen. Er fühlt die Pflicht, seine erste Geliebte zu töten. Wäre er aber nur ein eiskalter Egoist, wäre er ein Monstrum und bliebe ohne unsre Teilnahme. Aber unter seinem maßlosen Ehrgeiz verbirgt sich, dicht angesiedelt neben seinem analytischen Verstand, eine höchst empfindsame Seele. Dieses explosive Gemisch, das sich nicht in revolutionärer Tat entladen kann, muß ihn in stille Raserei stürzen. Daß er, verurteilt, alle aussichtsreichen Versuche, ihn zu retten, stolz ausschlägt, verrät, daß er immer schon ein potentieller Selbstmörder war. Er hat gegen sich selbst die Pflicht, heroisch zu sterben. Aber dieser Tod bringt ihm endlich die große Genugtuung, daß seine beiden Geliebten zu ihm ins Gefängnis kommen. Matilde, die ein Kind von ihm erwartet, hatte einmal gesagt: "Alles kann man kaufen, nur ein Todesurteil nicht." Das Todesurteil also macht Julian zum Helden.

Alles in allem: ein Roman der Zerstörung eines jungen Menschen durch Politik und Gesellschaft, transponierbar in andere Länder und Zeiten. Man könnte ihn für autobiographisch halten. Aber Stendhal, der eigentlich Henry Beyle hieß, war weder arm noch unterdrückt, er war Diplomat. Aber er liebte seine Zeit nicht. "Oh, 19. Jahrhundert!" ruft er aus. Allerdings wurde sein Ehrgeiz als Schriftsteller zu seinen Lebzeiten nicht befriedigt: erst siebzig Jahre nach seinem Tod wurde er berühmt. Luise Rinser

Stendhal: "Rot und Schwarz – Chronik aus dem Jahr 1830", aus dem Französischen von Walter Widmer; Winkler, München, 1976; 614 S., 36,80 DM (Leder 54,– DM)

Stendhal: "Rot und Schwarz – Chronik des 19. Jahrhunderts", vollständige Ausgabe, aus dem Französischen von Walter Widmer, mit einem Nachwort von Uwe Japp; it 213, Insel, Frankfurt, 1978; 635 S., 10,– DM