Interessen sind stärker als die gemeinsame Ideologie

Von Karl-Heinz Janßen

Als Stalin und Mao Tse-Tung im Februar 1950 einen Freundschafts- und Beistandspakt schlossen, der dreißig Jahre dauern sollte, da beschlich die westliche Welt ein Gruseln: ein gewaltiger „monolithischer Block“ von damals 800 Millionen Menschen schien anzutreten, sich die ganze Welt zu unterwerfen. Längst ist das Bündnis nur noch ein Fetzen Papier. Im Frühjahr, so konnte man im Herbst in Peking hören, werde die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua (Hsinhua) der Welt mitteilen, daß die chinesische Regierung den Pakt für erledigt betrachte. Fristgemäß müßte der Vertrag, der im April ratifiziert wurde, ein Jahr vor Ablauf gekündigt werden. Andernfalls würde er sich automatisch um fünf Jahre verlängern.

Die Sowjetunion hat mehrmals zu erkennen gegeben, daß sie ihn keinesfalls kündigen werde, weil ihr an der Freundschaft mit dem chinesischen Volke gelegen sei. Selbst nach dem chinesischen Angriff auf Vietnam haben die Staatsmänner im Kreml die Hoffnung nicht aufgegeben, es werde (vielleicht nach einem militärischen Fiasko der Chinesen in Vietnam?) in Peking eine neue Mannschaft ans Ruder kommen, die endlich den von Mao und seinen Nachfolgern stur gesteuerten antisowjetischen Kurs aufgibt.

Es ist die Frage, ob nicht bei jedem denkbaren Regime in Peking der Interessengegensatz zwischen den beiden Giganten allemal stärker wäre als noch so gutgemeinte Freundschaftsbeteuerungen. Zu tief sitzen bei den Völkern auf beiden Seiten die Ängste vor einer Invasion unübersehbarer, fremder Horden. Die geschichtsbewußten Chinesen hat nie die Furcht vor den „Barbaren aus dem Norden“ verlassen: den Hunnen, Mongolen, Mandschus und anderen Reitervölkern, vor denen man hinter einer Großen Mauer Schutz suchte; die Russen wiederum haben nicht das Trauma mehrhundertjähriger Tatarenherrschaft verwunden. Die „gelbe Gefahr“ aus Kaiser Wilhelms Zeiten wird bei Bedarf von sowjetischen Dichtern und Publizisten gern und wirkungsvoll beschworen.

Allerdings haben die Chinesen in den letzten 120 Jahren weit mehr Grund gehabt, sich über die Russen zu beklagen. Es fing an mit den „ungleichen Verträgen“, die ein nach Fernost ausgreifendes Zarentum einem morschen Kaiserreich auferlegt, setzte sich fort mit den gemeinsamen Raubzügen der europäischen Großmächte um die Jahrhundertwende und endete mit Stalins Griff nach der Mandschurei und Chruschtschows Versuch, China in sowjetischer Botmäßigkeit zu halten.

Der historische Gegensatz zwischen den beiden Reichen wurde überhöht durch die Rivalität zweier kommunistischer Denk-Schulen, die mittlerweile in der ganzen Welt miteinander konkurrieren. Der Streit entzündete sich zunächst an der Frage nach der richtigen außenpolitischen Methode im Konflikt mit den kapitalistischen Mächten. Mao Tse-tung, der in seiner manchmal menschenverachtenden Art die Atombombe als „Papiertiger“ bagatellisierte („Wenn die halbe Menschheit umkäme, bliebe immer noch die andere Hälfte übrig“), beharrte auf der These von der Unvermeidbarkeit des Krieges auch im Atomzeitalter. Sein Gegenspieler Chruschtschow jedoch wollte wegen der atomaren Gefahren nicht einmal einen lokalen Krieg riskieren.