Der Zinsanstieg erreichte in der vergangenen Woche einen neuen Höhepunkt, als der Bund für zehnjährige Schuldscheine Renditen von 7,40 Prozent bot. Zwar sind diese Spitzensätze auf Intervention des Bundesfinanzministeriums gekappt worden, doch bleibt die Tatsache bestehen, daß der Landeszinsfuß bei zehnjährigen Titeln heute deutlich über sieben Prozent liegt. Das wird auch die Kreditzinsen verteuern.

Der deutsche Rentensparer wird in diesen Tagen arg gebeutelt. Der Kursverfall einzelner Emissionen ging so rapide, daß bei einigen Titeln seit Jahresbeginn mehr als ein halber Jahreszins verlorengegangen ist. Wahrscheinlich hat die Ungeschicklichkeit, mit der das Bundesfinanzministerium seit einiger Zeit Schulden-Management betreibt, das Tempo des Zinsanstiegs verschärft. Aber mit Sicherheit ist das nicht die alleinige Ursache für die Geldverteuerung.

Hier kommt vieles zusammen. Im Vordergrund steht eine Notenbank-Politik, die eine knappere Liquiditätsversorgung zum Ziel hat. Nach Aussage von Helmut Schlesinger, Direktionsmitglied der Deutschen Bundesbank, haben sich die freien Liquiditätsreserven der Kreditinstitute von Dezember auf Januar in der Bundesrepublik von 14 auf sieben Milliarden halbiert. Inzwischen liegen sie vermutlich um weitere fünf bis sechs Milliarden Mark niedriger. Daß diese Gewaltkur Folgen für die Zinsentwicklung haben mußte, meine verehrten Leser, ist einleuchtend.

Zinstreibend ist ohne Zweifel aber auch das Verhalten der Anleger. Obwohl – wie es heißt – mehr als 20 Milliarden Mark für die Anlage auf dem Kapitalmarkt bereitstehen, fließen die Gelder in Richtung Rentenmarkt nur spärlich. Private Sparer sind bestenfalls dazu zu bringen, Titel mit kurzen Restlaufzeiten zu erwerben, bei denen das Kursrisiko überschaubar ist. Und die Profis der Investmentfonds, Versicherungsgesellschaften und Banken wissen nur zu genau, daß in der gegenwärtigen Situation nur Zurückhaltung vor Kursverlusten bewahrt. Auch wenn amtliche Stellen immer wieder vorrechnen, daß der Kreditbedarf der öffentlichen Hände in diesem Jahr wahrscheinlich geringer als projektiert und deshalb spannungsfrei zu befriedigen sein wird, so zeigt die Praxis, wie schwierig es ist, Kapital in einer Phase steigender Zinsen zu mobilisieren.

Für den Sparer ist es völlig gleich, wer in der Bundesrepublik den Zins nach oben treibt und den Kursverfall am Rentenmarkt verursacht, die Bundesbank mit ihren restriktiven Maßnahmen oder die öffentlichen Hände mit ihrer rücksichtslosen Verschuldungspolitik. Er kann nur reagieren. Bei ihm mehren sich allerdings die Zweifel, ob die öffentlichen Hände, die sich zunehmend nur deshalb verschulden, um Zinsen- und Tilgungsdienst für aufgenommene Kredite leisten zu können, eines Tages überhaupt noch in der Lage sein werden, ihren Verpflichtungen nachzukommen. „Es gibt nur ein Mittel, das wirklich helfen könnte, das Vertrauen der Sparer zurückzugewinnen“, schreibt das Frankfurter Bankhaus Georg Hauck & Sohn sinngemäß, „die öffentliche Hand muß von der hohen Verschuldung wegkommen. Andernfalls dürfte das Sparen eines Tages seinen Sinn verlieren.“

Unmittelbar betroffen von der Zinssteigerung sind die Bauherren. Die Hypotheken der Realkreditinstitute, die sich am Rentenmarkt finanzieren müssen, liegen bereits um mehr als zwei Prozent höher als vor einem Jahr. Für Hypotheken mit zehnjähriger Zinsbindung müssen schon über acht Prozent gezahlt werden. Was das bedeutet, hat der Chef der gewerkschaftseigenen Unternehmensgruppe „Neue Heimat“, Albert Vietor, vorgerechnet. Bei einem Einfamilienhaus, das 300 000 Mark kostet, führt eine Zinsanhebung von einem Prozent zu einer monatlichen Mehrbelastung von rund 200 Mark. Es ist also abzusehen, wann die Bautätigkeit wieder zum Erliegen kommen muß.

Die Sparkassen konnten bisher noch vergleichbar günstige Hypotheken-Konditionen bieten. Bei Einräumung einer Gleitklausel dürfte ihr Zins bisher in der Gegend von 6 1/2 Prozent gelegen haben. Da inzwischen die meisten Sparkassen eine Sparzinserhöhung durchgeführt und die Zinsen ihrer Sparbriefe verbessert haben, dürften die Sparkassen-Hypotheken jetzt um rund ein halbes Prozent teurer werden. In Kürze ist auch mit der Anhebung der Zinsen für Althypotheken zu rechnen. Die Mehrkosten können auf die Mieter abgewälzt werden, die sich ohnehin schon wegen der gestiegenen Heizkosten auf Zusatzzahlungen einstellen müssen.