Sie ist fünfzehn und manchmal eine Wolke, meistens aber steht sie mit beiden Beinen fest auf der Erde: Paulina Hummel muß sich, weil ihre zwar herzensgute, doch trunksüchtige Mutter eine Entziehungskur machte allein mit der Schule, dem Haushalt, den Nachbarn und dem Jugendamt rumschlagen.

Was diese in Ichform geschrieben? Schilderung eines äußerst strapazierten Jungmädchenlebens weit über die übliche Schnickschnack-Literatur ähnlicher Themenbehandlung hinaushebt, ist neben der genauen Ausleuchtung eines bestimmten Milieus die treffsichere Schnoddrigkeit, mit der dies geschieht.

Das Buch von

Dagmar Kekulé: „Ich bin eine Wolke“; rororo rotfuchs Taschenbuch, Rowohlt Verlag, Reinbek; 125 S., 4,80 DM

erzählt die tragikomische „Paulinchen war allein zu Haus“-Geschichte mit so viel Kraft, daß man das Ganze am besten in einem Rutsch durchliest. Und wer dann zum fehlenden Happy-End nicht auf Seiten Paulinas und ihrer beiden Meerschweinchen King und Kong und voll zorniger Empörung gegen alle Bürokratenhengste ist, der wird wahrscheinlich nie erfahren, wie schön das Leben trotz aller Probleme und Widerwärtigkeiten sein kann.

„Am liebsten würde ich eine ganz neue Sprache erfinden mit Wörtern, die sich anhören wie eine Melodie: Will o biii oder tom a haiiii oder huahuaheeee...“

Für solche musikalischen Sprachübungen und all die schwerelosen Wolkenträume bleibt Paulina allerdings kaum Zeit, weil sie neben der Schule nicht nur Geld verdienen, sondern sich auch noch mit einer penetrant pflichtbewußten Fürsorgerin herumstreiten muß. Die will das hohnlachende Mädchen unbedingt ins Heim abschieben. Was tut eine emanzipierte Fünfzehnjährige in einem solchen Fall? Sie beschließt, ihre Mutter aus der Anstalt zu befreien und mit ihr nach Finnland abzuhauen, „ins Land der 60 000 Seen“ ... Gedacht, getan und schon unterwegs – doch weil das natürlich viel zu schön wäre, um wahr zu sein, Dagmar Kekulé aber alles andere als eine Märchentante ist, findet das versprochene, das schon erzählte Happy-End dann doch nicht statt.

Die kleine Notiz zum Schluß kann, wer die Wirklichkeit lieber fliehen als sich ihr stellen will, auch übersehen: „Vermerk in den Akten des Jugendamtes: 3. Juni 1977. Paulina Hummel wurde vor drei Tagen vom Personal des Klettschen Sanatoriums aufgegriffen und der Landpolizei in Gauting überstellt... Das Mädchen wurde vörläufig in dem Fürsorgeheim ,Rosenhügel‘ untergebracht.“ Monika Sperr