Ziemlich lange schienen die germanistischen Fachzeitschriften der USA wie ärmere, von der vornehmen Familie verstoßene Verwandte der deutschen. Natürlich hatte dies mit der Situation der amerikanischen Germanistik selbst zu tun, indem, wie Bernhard Blume 1959 im Jahrbuch der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung feststellte, „Deutschlehrer zukünftige Deutschlehrer ausbilden, die dann ihrerseits wieder zukünftige Deutschlehrer ausbilden, wobei nur selten ein Funke aus diesem Kreis nach außen schlägt“. Dasselbe, wiederum Blume, gilt für die Veröffentlichungen der amerikanischen Germanisten, die sich „nicht an eine breitere öffentichkeit wenden, selbst da nicht, wo sie auf Englisch geschrieben sind. Denn die wissenschaftliche Erforschung und Durchleuchtung einer bestimmten Literatur ist für ein Publikum, das diese Literatur nicht kennt, notwendig ohne Interesse“.

Die Nachrichten aus Deutschland, die ja in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts nicht günstig waren, haben sich, seit es Deutschland – etwa als das Vaterland der Berufsverbote – auf einmal zweimal gibt, nicht in dem Maße verbessert, daß sie die Lust an deutscher Literatur – offenbar eines der Hauptmotive zum Studium der deutschen Sprache –, gefördert hätten. Nach wie vor sind es hier hauptsächlich Thomas Mann, Franz Kafka und Bertolt Brecht, die bekannt sind; manchmal hat einer Böll oder Grass gelesen.

Diese Situation muß man wenigstens erwähnen, um verständlich zu machen, was es bedeutet, daß in den USA dreimal im Jahre eine germanistische Zeitschrift erscheint, der es gelungen ist, nationale Bedeutung, jedenfalls an den Universitäten des Landes, zu erlangen. Sie wurde im Jahre 1973 im Umkreis des angesehenen „German Department“ der University of Wisconsin in Milwaukee von David Bathrick, Anson G. Rabinbach und Jack Zipes mit dem Titel new german critique gegründet. (Den deutschen Vertrieb hat seit einiger Zeit der Verlag Roter Stern in Frankfurt am Main übernommen.) Der Untertitel: „an interdisciplinary Journal of german studies“ erklärt programmatisch den interdisziplinären Charakter des Journals sowie die beabsichtigte Ausweitung der Studien auf deutsche Kultur, Philosophie, Geistesgeschichte.

Der Ausbruch aus der Getto-Existenz der „German Departments“ gelang hier mit Hilfe des Marxismus, durch selbstverständlich kritische Anknüpfung an die Tradition der „Kritischen Theorie“, die inzwischen drei Generationen von Forschern beschäftigt. Ausführlichere Auseinandersetzungen mit der „Frankfurter Schule“ gab es anläßlich der Veröffentlichung von Martin Jays „Dialectical Imagination“ (in Deutschland bei Fischer, 1976) den Heften 4 (1975) und 8 (1976), aber es wurden fast in jedem Heft Arbeiten aus jenem Umkreis eingeführt und in (nicht immer gleichwertigen) Übersetzungen vorgestellt, so von Karl Korsch (3/74; 6/75), Bloch (4/75; 9/76; 11/77), Adorno, Horkheimer, Reich, Benjamin, Krakauer (beide 5/75) – wobei übrigens der amerikanische Leser ein Wiedersehen mit Ideen feiern konnte, die er für Ideen von Susan Sontag gehalten hatte, die sie allerdings besser verpackte. Ferner fehlen nicht die in marxistischen Journalen obligatorischen Überlegungen zur Brecht-Lukács-Debatte, zur Lukács-Kritik an Bredel und Ottwald, zur Lukács-Kritik an Heidegger, sowie die unermüdlichen Versuche, Habermas zu verstehen (3/74; 5/75; 6/75), in Nr. 7 (1976) sogar eine von einem Autorenkollektiv verfaßte Rezension mit dem etwas kleinmütig klingenden Titel: „Toward Understanding Habermas“. Andererseits stößt man dann aber in einem anderen Heft der new german critique auf einen Artikel von Fred Jameson, in welchem dieser, zum Zwecke eines Verständnisses der Erzählstrukturen Max Webers, eine Formel Lévi-Strauss’ folgendermaßen qualifiziert: „Fx(a):Fx(b)=F–y(a):F–y(b)“– eine Veränderung der Farbe der Kleider des Kaisers.

Funktion und Bedeutung der vermittelnden Arbeit dieses Journals kann nicht hoch genug eingeschätzt werden in einem Lande, das, wie Raya Dunayeveskaya (,,Marxism and Freedom“, London, 1971) schreibt, „jeglicher Theoretiker so bar ist, daß es sich der Illusion hingibt, vom Marxismus verschont geblieben zu sein“. Hinzu kommt, daß sich das, was man in Deutschland noch als „literarische Öffentlichkeit“ bezeichnen könnte, in den USA – von einigen lustigen Cliquen, wie der um die New York Review of Books oder die City Lights Books in San Francisco abgesehen –, lediglich an den Colleges und Universitäten, also unter Studenten und Professoren abspielt. Außerhalb von New York oder San Francisco gibt es kaum Buchhandlungen noch ein Feuilleton, und im kommerziellen Rundfunk oder Fernsehen gilt es als Literatursendung, wenn einmal im Jahr eine Person namens Shaw oder Vidal ein paar Späßchen macht. Daher auch die oft beobachtete Trend-Unabhängigkeit der ernstzunehmenden amerikanischen Literatur: Einem illiteraten Publikum kann man literarische Trends (gleichgültig ob neue Innerlichkeit, Ich-Literatur, Gegenaufklärung oder Totsagung der Literatur) nicht verkaufen, folglich besteht auch kein kommerzielles Interesse an deren Produktion, an lüsterner Trendpflege. Hierbei entfällt sogar der unendlich peinliche deutsche Kalenderjubel (Kleistjahr, nun wohl Lessingjahr): also nichts als Vorteile, die die Schreiber vor modischer Kollaboration bewahren, andererseits verhungern lassen. Was etwa in Deutschland eben erst anfängt, daß nämlich bisherige Schriftsteller öffentliche Ereignisse des Vorjahres in Romanen, durchschaubar vermummt, darstellen, also die Funktion von Journalisten übernehmen, kennzeichnet die amerikanische Szene seit längerer Zeit. Umgekehrt werden dafür auch hier die Journalisten immer poetischer.

Es ist eigenartig, daß solche, die Literaturindustrie beider Länder vergleichende Themen von new german critique bisher nicht beachtet worden sind, obwohl sie einer kulturkritischen, marxistischen Zeitschrift, die sich zudem ausdrücklich bemüht, Tageskritik und Germanistik in eine neue Beziehung zueinander zu bringen, naheliegen müßten. Von Klaus Garber und wiederholt von Peter Hohendahl sind Aufsätze über Literaturkritik, Rezeption und dergleichen erschienen. Da diese Artikel (wohl aus dem Deutschen, man erfährt es nicht) ins Englische übersetzt, ihre Quellen, nicht deutlich (in anderen Fällen überhaupt nicht) angegeben waren, ferner in allen Heften Angaben zur Person prinzipiell fehlen, kann man nicht beurteilen, wann und wo diese Beiträge aus welcher Situation für welches Publikum geschrieben oder schon veröffentlicht wurden. In welchem Massenblatt äußerte beispielsweise Peter Hohendahl: die im Heft 7 (1976) übersetzte, obligatorische Kritik an der „Neuen Linken“: „Kritik der Kritik blieb (bei der ‚Neuen Linken’) eine Angelegenheit der Intellektuellen, an der die Massen kaum beteiligt waren?“ Und haben die durch Lektüre dieses Satzes belehrten Massen der linken Intelligenz endlich das Handwerk gelegt?

Meine Hauptkritik an new german critique ist jedoch, daß die Ausrichtung zu sehr nur in eine Richtung (nach Deutschland) geht und daß sie ferner zu stark historisch bestimmt ist. Man wünschte sich dringend eine Auseinandersetzung mit der eigenen, also der amerikanischen Germanistik, – gelegentliche Rezensionen wie die des Rilke-Buches von Egon Schwarz sind hierfür kein Ersatz –, sowie eine zumindest vergleichende Beobachtung der amerikanischen Literaturszene. So, wie es jetzt ist, läuft new german critique Gefahr, einem Reader’s Digest-Konzept zu verfallen (das Beste aus den marxistischen Diskussionen in Ost und West), wobei für den Leser ein Bild beider Deutschland entsteht, wie es günstiger die Kulturattaches dieser Staaten kaum in Auftrag geben können: sorgfältige Pflege bester deutscher Traditionen, rigorose philosophische Debatten, Kampf um die Geschichte.