Von Klaus Peter Schmid

Die Stadt Longwy kämpft ums Überleben – und zwar nicht nur mit Worten. Am Wochenende kam es in der lothringischen Gemeinde zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Nur das energische Eingreifen von Bürgermeister und Gewerkschaften verhinderte die offene Straßenschlacht. Die Volkswut kocht, weil fast die Hälfte der 15 000 Stahlarbeiter in den nächsten Monaten und Jahren ihren Arbeitsplatz verlieren werden. Und was noch schwerer wiegt: Wer heute in Lothringen arbeitslos wird, muß damit rechnen, es lange zu bleiben.

In sonderbarem Kontrast zu diesen Schreckensmeldungen stehen die Kommentare der französischen Konjunkturpropheten: Sie künden schönes Wetter an. So erklärt der Unternehmerverband CNPF: „Der Aufschwung, der Mitte des letzten Jahres praktisch zum Stillstand gekommen war, hat neuen Auftrieb erhalten und dürfte sich am Jahresbeginn 1979 fortsetzen.“ Doch kaum eine Woche vergeht, in der nicht neue Massenentlassungen angekündigt werden.

Die soziale Lage ist gespannt wie selten. Immer neue Protestmärsche setzten sich in Richtung Paris in Bewegung. Überall im Land brechen Streiks aus, die auf die Schließung von Fabriken aufmerksam machen.

Auch Premierminister Raymond Barre, bei seinem Amtsantritt als bester Ökonom Frankreichs vorgestellt, hat einigen Kredit eingebüßt. Verkündete er nicht vor einem Jahr: „Wir sind dabei, den Aufstieg zu schaffen?“ Doch seither ging’s bergab, und der gute Doktor Barre hält unerbittlich an seinen bitteren Pillen fest.

Drei Hauptgründe sind dafür verantwortlich, daß Barres Medizin die anhaltende Konjunkturschwäche bisher nicht mildern konnte:

  • Frankreichs Industrie steckt in einer schmerzhaften Strukturkrise. Einige wichtige Branchen (wie Stahl, Werftbau, Textil) müssen heute bitter dafür büßen, daß sie die längst fällige Anpassung an den Weltmarkt hinausgezögert haben. Die Konkurrenz der Nachbarländer macht ihnen genauso zu schaffen wie billige Produkte aus der Dritten Welt.
  • Viele Unternehmen warteten die Parlamentswahlen vom vergangenen März ab, bevor sie durch Entlassungen großen Stils rationalisierten. Vor den Wahlen hätte ein spektakulärer Abbau von Mitarbeitern die Unzufriedenheit geschürt und damit die Chancen der linken Parteien erhöht. Nachdem aber die Wahlhürde – ganz im Sinne der Patrons – genommen war, wurden die fälligen Entlassungen massiert nachgeholt.
  • Die Regierung sieht es neuerdings nicht mehr als ihre Aufgabe an, angeschlagene Unternehmen künstlich am Leben zu halten. Nicht mehr die soziale Ruhe ist oberstes Gebot, sondern die langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Die neue Politik orientiert sich am Markt und verurteilt damit unrentable Betriebe zum Tode oder zumindest zum Gesundschrumpfen.