Von Hansjakob Stehle

Rom, Ende Februar

Vielleicht wird das mein Aschermittwochsende sein...“, hatte Ugo La Malfa befürchtet, ohne jedoch seinen gedämpften Pessimismus mit vorsorglicher Bußfertigkeit zu würzen. Der 75jährige Republikaner, den Italiens Staatspräsident nach dem Scheitern Andreottis beauftragt hatte, eine neue Regierung auf der bisherigen Basis der „nationalen Solidarität“ zu bilden, machte sich gewiß keine Illusionen. Doch er hatte bis Mitte dieser Woche Grund zu der Annahme, daß bei den großen Parteien die Furcht vor unberechenbaren innenpolitischen Folgen und vor den Gewitterwolken der Weltpolitik sich zumindest die Waage hielt mit der Unlust, noch einmal auf einen halbfaulen Kompromiß zu setzen.

Nach drei Jahrzehnten war es zum erstenmal kein Christdemokrat, der die Parteien an den Verhandlungstisch zu einem Koalitionsgespräch lud, sondern ein „Laie“ – wie der italienische Jargon bezeichnenderweise Leute nennt, die sich ohne konfessionelles „Gesangbuch“ in die politische Arena begeben. Dabei gehört La Malta zu den gläubigsten und persönlich makellosen Verteidigern der italienischen Demokratie, ihrer liberalen Basis wie ihres sozialen Auftrags. Das Gewicht seiner Persönlichkeit war immer schon viel stärker als die Zahl der Wähler, die seine republikanische Partei verbuchen konnte – kaum über drei Prozent.

Doch nicht nur sein sizilianisches Temperament, auch seine Neigung zu düsteren Prophezeiungen (die sich oft, aber nicht immer bewahrheitet haben) trugen ihm bei seinen Kritikern den Ruf der Sprunghaftigkeit und zugleich des Altersstarrsinns ein. Wie anders auch könnten bei einem Politiker so ungleiche Bekenntnisse zusammenpassen wie La Malfas leidenschaftliche Plädoyers für eine Konjunktur- und Antiinflationspolitik, die den Gewerkschaften mißfallen mußte, und zugleich für eine offene und klare Einbeziehung der Kommunisten in die Regierungsverantwortung.

Daß deren Rückkehr in die Opposition Italiens Talfahrt in eine – nicht nur wirtschaftliche – Katastrophe unabwendbar machen könnte, ist auch heute La Malfas Überzeugung, die er in den Verhandlungsgesprächen dieser Woche mit dem besorgten Hinweis auf das benachbarte Jugoslawien verband: Welcher Wind würde von dort in der Zeit nach Tito, die jeden Tag beginnen kann, herüberwehen – noch dazu, wenn die Welt in den Sturm eines Kalten Krieges oder von Schlimmerem geriete, diesmal gar im Zeichen eines Zusammenpralls zwischen kommunistischen Mächten?

Kein Zweifel, solche Überlegungen waren im Hintergrund auch bei den italienischen Kommunisten wirksam, als sie La Malfas Versuch der Regierungsbildung ohne Zögern und nicht nur aus Höflichkeit mit Beifall bedachten: „Ein neues, positives und wichtiges Faktum; wir sind dabei, jede Anstrengung zu machen, damit er Erfolg hat“, ließ Giorgio Napoletano aus der Monatssitzung des KP-Parteivorstandes verlauten. Würden die – Kommunisten jedoch von La Malfa hinnehmen können, was sie dem Christdemokraten Andreotti versagt hatten, nämlich eine Rückkehr in die Regierungsmehrheit ohne Ministerposten für Kommunisten oder wenigstens für einige den Kommunisten nahestehende Politiker? Mehr noch: Würden sie in der zweiten Verhandlungsphase das Wirtschaftsprogramm eines La Malfa schlucken können? Dessen Rigorosität mochte sich vielleicht mit gewissen asketischen Vorstellungen des KPI-Chefs Berlinguer decken, es konnte aber kaum das Vertrauen jener Arbeitermassen (und nicht nur der kommunistischen) gewinnen, die sich nicht damit abfinden wollen, daß die Verzichte, die man ihnen zumutet, mehr zu Buche schlagen als die „Opfer“ der Superreichen.