Vier Filme fehlen nach dem Auszug der sozialistischen Länder (siehe auch Kommentar auf Seite 41) im offiziellen Wettbewerbsprogramm der 29. Berliner Filmfestspiele, aber auch ohne diesen Verlust fällt selbst dem professionellen Besucher die Orientierung nicht eben leicht. An die 500 Filme sollen angeblich in den zwölf Berlinale-Tagen auf Besucher (und natürlich auch auf Käufer) warten: im Wettbewerb, im Internationalen Forum des Jungen Films, in der Informationsschau, den Retrospektiven und einem stark erweiterten Filmmarkt, wo nicht zuletzt auch deutsche Qualitätspornographie verhökert wird.

Den Markt übrigens scheinen die Osteuropäer von ihrem Festival-Boykott ausgenommen zu haben. Hier jedenfalls tauchte dann doch noch der tschechoslowakische Wettbewerbsbeitrag „Die wunderbaren Männer mit der Kurbel“ von Jiri Menzel auf. Wenn’s um Devisen geht, ist die sozialistische Moral halt dehnbar.

Den mit Abstand besten Wettbewerbsbeitrag zeigte bislang Rainer Werner Fassbinder mit seiner „Ehe der Maria Braun“, dem zugänglichsten (und damit wohl auch „kommerziellsten“) und reifsten Werk dieses Regisseurs. Schon vor „In einem Jahr mit 13 Monden“ entstanden und nur wegen eines recht undurchsichtigen Rechtsstreites so lange zurückgehalten, handelt „Die Ehe der Maria Braun“ von der ebenso rasanten wie erschreckenden Karriere einer Frau und eines Landes, der Bundesrepublik in den ersten neun Nachkriegsjahren. Zum stets im Hintergrund präsenten Wirtschaftswunderlärm der Baumaschinen und Preßlufthämmer erzählt Fassbinder vom unaufhaltsamen Aufstieg der Maria Braun, von der hungernden Kriegerwitwe zur wohlhabenden Prokuristin: Eine deutsche Bilderbuchgeschichte von Fleiß und Energie, aber auch von einer absoluten Liebe, von großen Gefühlen, die allmählich jämmerlich verenden. Die Träume der Maria Braun (gespielt von Hanna Schygulla mit einer phantastischen Mischung aus Zärtlichkeit, Berechnung und Härte) gehen an den Notwendigkeiten des praktischen Lebens kaputt. Im Raubritter-Kapitalismus jener Jahre stehen auch die Gefühle zur Disposition, und von deren Veräußerung handelt dieser große Film: nichts weniger als ein stilisiertes Melodram wie „In einem Jahr mit 13 Monden“, auch keine kunstgewerbliche Anstrengung wie „Despair – Eine Reise ins Licht“, sondern eine sehr witzige, sehr aggressive Satire voller Bitternis und lakonischer Härte.

Von Fassbinders Film wird noch ausführlich die Rede sein, wenn er demnächst bei uns in den Kinos anläuft, ebenso von Michael Ciminos „The Deer Hunter“ (Die durch die Hölle gehen). Zwei Höhepunkte in einer Festivalwoche: Das ist nicht einmal wenig, wenn man an frühere Jahre in Berlin denkt. Ein Regisseur, dem man in Berlin die Treue hält, auch wenn er (wie sein alter Freund und Kampfgefährte Claude Chabrol) in eine künstlerische Krise geraten scheint, ist François Truffaut. 1978 lief sein hübscher, wenngleich eher belangloser „Mann, der die Frauen liebte“, in diesem Jahr konnte man gleich zwei neue Truffaut-Filme in Berlin besichtigen: „Liebe auf der Flucht“ im Wettbewerb und „Das grüne Zimmer“ in der Informationsschau.

Mit „Liebe auf der Flucht“ kehrt François Truffaut zum fünftenmal zu seiner Lieblingsfigur zurück, jenem von Jean-Pierre Léaud gespielten Antoine Doinel, der zum erstenmal als kleiner Junge in „Sie küßten und sie schlugen ihn“ (1959) auftauchte und dessen weitere Abenteuer Truffaut in den Filmen „Liebe mit zwanzig“, „Geraubte Küsse“ und „Tisch und Bett“ beschrieb. In „Liebe auf der Flucht“ ist Antoine Doinel, ein wenig wohl auch Truffauts alter ego (Léaud sieht dem Regisseur immer ähnlicher), Anfang dreißig, und der Film beginnt am Tag seiner Scheidung von Christine (Claude Jade), die er vor zehn Jahren in „Geraubte Küsse“ geheiratet hatte.

Über weite Strecken sieht „Liebe auf der Flucht“ wie ein digest der früheren Antoine-Doinel-Filme aus, die in Rückblenden zitiert werden, aus denen Figuren plötzlich wieder auftauchen. Liebevoll läßt Truffaut seine und Antoine Doinels Welt Revue passieren, mit dem verständnisvollen Blick eines nicht mehr ganz jungen Mannes erklärt er die Schwächen der Figuren, trägt manches nach, rundet den Zyklus ab. Selbst Antoine, der ewige Streuner, der Mann, der alle Frauen liebt und doch vor ihnen Angst hat, darf am Ende glücklich werden: mit Liliane, einer jungen Verkäuferin.

Das alles ist recht hübsch anzuschauen, milde amüsant, und natürlich mit jener diskreten Eleganz inszeniert, die Truffaut auch in seinen schwächeren Arbeiten zur Verfügung steht. Doch letztlich bleibt der Film arg unbefriedigend, kaum mehr als die Stilübung eines Meisters, dem nichts Neues mehr einfallen will, der sein Werk schon für abgeschlossen hält: Ein Film von freundlicher Leere, ebenso nett und belanglos wie die zweite Regiearbeit des ehemaligen Truffaut-Stars Jeanne Moreau („Jules und Jim“, „Die Braut trug schwarz“), die im Berliner Wettbewerb „L’Adolescente“ (Mädchenjahre) zeigte: die ebenso sympathische wie sentimentale Geschichte eines zwölfjährigen Mädchens, das im Sommer des Jahres 1939 zusammen mit seinen Eltern die Ferien bei der Großmutter irgendwo in der französischen Provinz verbringt, in einem Dorf, wo es nur liebe und kauzige Menschen gibt, wo die Kümmernisse der ersten Liebe und die Konflikte mit den Eltern sich am Ende wie von selbst lösen.